Zwei daseinsanalytische Traumauslegungen


Am 7. Dezember 2008 fand in London ein Symposium zur daseinsanalytischen Traumauslegung statt, welches von Anthony Stadlen organisiert wurde. Es referierten Hansjörg Reck, Marianne Jaccard und Tamas Fazekas als Vertreter der phänomenologischen Traumauslegung, wie sie von Medard Boss in seinen beiden
Büchern zum Träumen (1953 und 1975) entwickelt wurde, sowie Uta Jaenicke als Vertreterin der hermeneutischen Daseinsanalyse.

Im Folgenden publizieren wir Hansjörg Recks Auslegung von zwei klassischen Versen – ein Sonett von Shakespeare und eine Ode von Pindar –, die sich mit dem Träumen befassen, um mit ihnen den phänomenologischen Zugang zu erläutern.
Einleitend erinnerte Reck daran, dass die phänomenologische Methode die Dinge selbst sprechen lässt.

Eine phänomenologische Art, Träume zu lesen

Hansjörg Reck

Sonett Nr. 43 von William Shakespeare in der Originalsprache und in der originalgetreuen wie poetischen Übertragung von H. Helbling (2001):

When most I wink, then do mine eyes best see,
For all the day they view things unrespected;
But when I sleep, in dreams they look on thee,
And, darkly bright, are bright in dark directed;

Was tags sie sehn, das sehn sie ohne Acht,
doch wenn ich schlafe, träumend schaun sie dich
und nächtlich hell schaun hell sie in die Nacht:


Then thou whose shadow shadows doth make bright
How would thy shadow's form form happy show
To the clear day with thy much clearer light,
When to unseeing eyes thy shade shines so!


Wenn so dein Schattenbild durch Schatten bricht,
wie schön erschiene deines Bildes Schein
dem hellen Tag mit deinem hellern Licht,
geht blinden Augen so dein Schatten ein!


How would, I say, mine eyes be blessèd made
By looking on thee in the living day,
When in dead night thy fair imperfect shade
Through heavy sleep on sightless eyes doth stay!

Wie würden meine Augen selig sein,
erschauten sie dich im lebend'gen Tag,
wenn schon in toter Nacht dein Bild so rein
vor schlafverhangnen Augen stehen mag!


All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.

Wie Nacht erscheint der Tag, erscheinst du nicht,
wie Tag die Nacht, bist du mein Traumgesicht.


Lassen wir es ein Liebesgedicht sein, ohne etwas hineinlesen, hineinlegen, umdeuten zu wollen. Halten wir uns vielmehr ganz an dieses selbst, um seinen Reichtum zu bewahren. Aber schauen wir es sorgsam an! Dann fällt uns mehreres auf:

1. dass des Verliebten Augen, was „sie tags sehn“, „ohne Acht sehn“. Auch in K. Kraus' „Nachdichtung“ des Sonetts ist dem Auge „ohne Glanz... des Tages Welt“. Andere Übersetzer (Schlegel-Tieck, 1955, Stefan George, 1999) sprechen gar von „nichtigen Dingen“, an die sich das Auge tags wendet. Sinddie Dinge selbst jedoch „nichtig“, wertlos? Erscheinen sie als gering, unbedeutend, ja schlecht? Oder ist es unsere blinde Art der Betrachtung, die sie so erscheinen lässt? „Denn an sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu“, wie Shakespeare (1955) Hamlet (II,2) sagen lässt.

2. dass wenn der Verliebte schläft, „...träumend, schaun sie [die Augen] dich … und … nächtlich hell schaun hell sie in die Nacht“. Träumend kann etwas anwesend und möglich sein, was wachend fehlte. Träumend können wir für etwas offen sein, wofür wir tags verschlossen waren.

3. erfüllt vom Traume, in dem „schon in toter Nacht dein Bild so rein …vor … schlafverhangnen Augen stehen mag“ kommt es zu einigem Verstehen: „wie schön... deines Bildes Schein … dem hellen Tag mit deinem hellern Licht“... erschiene.
Träume können uns für Ahnungen hellhörig werden lassen, deren Bedeutung sich im Wachen zeigt.

4. Shakespeare sagt nicht, wer es ist, auf den die Augen des Verliebten träumend schauen, er sagt allein: „wenn so dein Schattenbild durch Schatten bricht“. Es könnte eine angebetete, aber entfernt lebende Geliebte oder der bewunderte Jüngling des Sonetts sein, wenn er ausruft: „wie würden meine Augen selig sein, erschauten sie dich im lebend'gen Tag...“ und: „Wie Nacht erscheint der Tag, erscheinst du nicht, wie Tag die Nacht, bist du mein Traumgesicht“.

Doch warum lassen seine Augen die Dinge tags unbeachtet? Lässt er dann alles ausser Acht, stiert nur auf sie, auf ihn, wie auf ein Götzenbild, ohne die Dinge, wie die Geliebten selbst zu sehen, die als Abwesende doch anwesend sind? Oder wo wären sie sonst? Und was bedeuten die Schatten in dem Gedicht?Es könnte auch ein erstes Erscheinen einer Liebe, vielleicht das nächtliche „Traumgesicht“ einer Frau sein, das sich das erste Mal in seiner Entwicklung zu mehr Freiheit zeigte, das andeutungsweise wahrgenommen wurde und
eines Tages ganz erfüllt werden will. Das phänomenologische Traumverständnis eröffnet solch nächtlicher Quellen Möglichkeiten des Neuen. Es versteht sie nicht nur als „Wunschträume“, sondern als wirkliche Begegnungen unterwegs zu mehr Offenheit.

Oder könnte „thy shadow's form“, was Helbling in „deines Bildes Schein“ überträgt, das Wesen eines Dinges, eines Menschen bedeuten, das tags zumeist unbeachtet bleibt, während es nachts nicht nur als „Traumgesicht“ erscheint, sondern es denkbar werden lässt, „dich im lebend'gen Tag... mit deinem hellern Licht“ zu erschauen? Doch wie? Wie kann Geträumtes fruchtbar werden? Indem wir es mit wachen Augen anwesend sein lassen, um es zu verstehen. Wenn wir
uns nicht in gegenständlicher Betrachtung dieser Welt verlieren, sondern dem Wesen ihrer Dinge Aufmerksamkeit schenken wollen, kommt es zu einer neuen Beziehung zu diesen, zu einem Dialog, der womöglich sogar über irdische Belange hinaus geht. Was bedeutet das „Wesen der Dinge“, „das Sein des Seienden“ und warum ist diese Frage im Rahmen einer Therapie bedeutsam? Es bedeutet die Aussage
eines Dinges, eines Menschen selbst; z.B. die Aussage eines Traumes selbst, nicht was wir über ihn denken. Was wir denken, lässt die Dinge allzu schnell zu guten oder schlechten werden; doch wie wir hörten, „ist an sich nichts weder gut noch böse“ (Shakespeare).

Was auch Patienten von uns erwarten, ist die Achtung des von ihnen
Gebrachten in seinem Sein. Das heisst zunächst, sie anzuhören. Dabei, wie die Natur, auf vorschnelle Urteile zu verzichten: Der Anblick eines schlichten Gänseblümchens ist nicht weniger wert als der einer prächtigen Rose! Warum? Weil beide den Grund ihres Ursprungs, das Wirken der Natur, in ihrer eigenen Art enthalten. Wie in der Kunst, so sollte es auch in einer Therapie, die sich als solche versteht, möglich sein, diese Wahrheit sichtbar werden zu lassen(vgl. P. Klee, 2008). Offensichtlich können die Nacht und ihre Träume helfen, selbst Schatten zu durchbrechen. Doch was bedeutet der träumend wahrgenommene Schatten in Shakespeares Versen?

Er erinnert mich an eine späte Pythische Ode des griechischen Dichters Pindar, der um 500 v. Chr. lebte. Diese Chorhymnen feiern den Sieger der Delphischen Spiele zu Ehren des Apollo. Darüber hinaus sollen diese Oden die Sage von einer Schlange (python) in Erinnerung rufen, die Apollo, der Gott des Lichtes, dort getötet hatte. Sie wurden sowohl zum Ruhme und Gedenken der Athleten wie zur Verehrung Apollos gesungen und getanzt, dem man den Sieg verdankte. Zugleich aber warnten sie vor Hochmut.
Die achte Pythische Ode ist Aristomenes von Aegina, dem Sieger im
Ringkampf, gewidmet. Vermögen und Vergeblichkeit, wechselndes Schicksal, das als gottgesandt verstanden wird, Nähe und Ferne Gottes werden darin dargestellt. Mut und Glück der Athleten stehen unter dem Schutz eines Gottes. Die Ode schliesst mit der weisen Einsicht eines hochbetagten Dichters in das Wesen des Menschen. Ich bringe hier nur die letzten Strophen, die bereits von Heidegger und anderen Daseinsanalytikern, K.Gemenetzis und A. Padrutt, zitiert wurden.

Heidegger (1982) folgte der Übertragung Hölderlins, die auch ich hier wiedergebe:
„Tagewesen. Was aber ist einer? Was aber ist einer nicht?
Der Schatten Traum, sind Menschen.
Aber wenn der Glanz, der gottgeschenkte kommt,
Leuchtend Licht ist da bei den Männern“

Pindar stellt die Fragen: „Was ist einer? Was ist einer nicht?“ Er fragt sowohl nach dem Sein wie nach dem Nichtsein des Menschen. Er bezeichnet ihn als ein „Tagewesen“, ein vergängliches Wesen, sogar nur als den Traum von Schatten, dessen Augen – vielleicht wie in Shakespeares Sonett – den ganzen Tag die Dinge unbeachtet lassen.

Darum fragen wir: „Was ist ein Schatten?“ Und antworten: „Der dunkle Raum, der von einem beleuchteten, undurchsichtigen Körper geworfen wird“ (Meyer).
In Pindar's Zeilen wird nicht gesagt, was, oder wer der beleuchtete Körper ist, der den Schatten wirft. Sollte es ein ursprünglicher Stoff sein, dessen Schatten auch träumte?
Noch erfahren wir etwas über die Lichtquelle, bevor „der gottgeschenkte Glanz“ kam.
Sollte es ein wolkenverhangenes göttliches Licht sein, das enthüllt
werden musste?
Und was ist ein Traum? Eine oft unverständliche Sinneserfahrung während des Schlafs, deshalb fern unserer klareren Wachrealität. Aber auch ein wiederaufleben von Gewesenem und ein Erscheinen von Neuem.
Der Mensch, als Traum eines Schattens verstanden, wäre noch eine Steigerung seiner schattenhaften Existenz, d.h. eine doppelte Abwesenheit von Körper und Licht.
Doch haben Traum und Schatten ihre eigene Art von Anwesen, wie Heidegger uns lehrt (GA, Bd 52, 1982, p. 106ff). Sie sind sowohl ein Hinweis auf die Anwesenheit eines Körpers, wie einer Lichtquelle, von der die Erscheinung des Körpers abhängt. Abwesen und Anwesen, die aufeinander verweisen, gehören zusammen.
Was für eine Lichtquelle meint Pindar? Er spricht von einem „gottgeschenkten Glanz“, mit dem „leuchtend Licht“ zu „den Männern“ kommt, vorausgesetzt, sie haben sich ihm geöffnet. Ist die Menschheit darauf angewiesen? In der Tat kann sie ja auch ihre eigenen künstlichen Lichtquellen schaffen, von denen sie
sich hochmütig bescheinen lässt. Aber ohne dieses gottgeschenkte Licht sind wir doch nur „Tagwesen“, gefangen in unseren Trivialitäten. Andererseits spendet diese göttliche Lichtquelle ein viel klareres Licht und Heiterkeit, von der wir vielleicht noch / schon träumen können.

Wie kann dieses göttliche Licht heute noch in die Dinge kommen? Dadurch, dass wir uns den Dingen selbst, in denen es schon liegt, öffnen und sie selbst sprechen lassen. Unsere Offenheit bewährt sich schon an kleinen Dingen, deren Wesen sich zeigen oder entziehen kann. In der wahren Begegnung mit der Natur, in der auch Kleinigkeiten gross werden, werden Kleinlichkeiten irrelevant. Die
Künstler zeigen uns den Weg. Die Liebe zum Wesen einer Sache eröffnet uns das göttliche Licht: Indem wir auf die alltäglichen Dinge selbst und die Begegnungen in der uns gegebenen Zeit achten, sie vor Verderb schützen, uns auch um ein Verständnis unserer Träume bemühen, könnten wir zu ihrem Glanz und Zauber geführt werden. Göttliches Licht, das zunächst träumend empfangen sein mag,
das aber schon die Schatten matter menschlicher Lichtquellen erhellte, könnte dann tags als ein noch helleres Licht wahrgenommen werden, wenn wir uns ihm nicht verschliessen.

Am 4. Dezember 2008 fand im Forum der Gesellschaft für hermeneutische Anthropologie und Daseinsanalyse eine Veranstaltung über Trauminterpretation statt. Der Psychoanalytiker Daniel Strassberg, die Jungianerin Doris Lier und die Daseinsanalytikerin Uta Jaenicke stellten je ihre Methode der Traumauslegung vor.

Im Folgenden publizieren wir den letzteren Beitrag.

Eine daseinsanalytisch-hermeneutische Art, Träume zu lesen

Uta Jaenicke

Die Daseinsanalyse geht wie jede analytische Psychotherapierichtung davon aus, dass Träume einen unbewussten Sinn haben, der in einem Zusammenhang mit dem Wachleben des Träumers steht.

Aber in welchem Bezug stehen die Träume zum Wachleben? Im Traum kommt es uns vor, als ob wir mit Angelegenheiten unserer gemeinsamen Wachwelt befasst wären. Wenn wir aus dem Traum aufwachen, erkennen wir aber sofort, dass wir uns träumend in einer ganz privaten Welt aufgehalten haben. Nichtsdestotrotz enthalten Träume Elemente unseres Wachlebens, sie lassen z.B. ein Problem anklingen, mit dem wir wachend beschäftigt waren, oder sind von
einer Stimmung getragen, die wachend vorherrschte. Gemeinsamkeiten zwischen unserem Wach- und unserem Traum-leben, in gewissem Sinne könnte man von Analogien sprechen, führen zum Kern der Problematik, die den Träumer zur Zeit untergründig beschäftigt. Wie Freud versteht auch die Daseinsanalyse die Traumauslegung als „Königsweg“ zum derzeitigen unbewussten
Hauptanliegen des Träumers, also zu den Ängsten und Wünschen, die den Träumer, im Zusammenhang mit seiner gegenwärtigen Lebenssituation oder seiner Lebensgeschichte, umtreiben.

Aber die daseinsanalytische Traumauslegung greift auf Grundlegenderes zurück. Geleitet von Martin Heideggers philosophischer Auffassung vom Menschen geht die Daseinsanalyse in der Lesart von Alice Holzhey, der ich folge, davon aus, dass jeder Mensch mehr oder weniger explizit um die Grundbedingungen des menschlichen Existierens weiss und sich unbewusst damit auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung mit einer Problematik des menschlichen Existierens ist in daseinsanalytischer Sicht der eigentliche Kern all unserer konkreten Probleme und Anliegen, Ängste und Wünsche, sowohl in unserem Wachleben wie in unserem Traumleben.

Träume eignen sich nun in ganz besonderer Weise zur Auslegung dieser, allen konkreten Erfahrungen zu Grunde liegenden, existentiellen Problematik – sie stellen, wie gesagt, nicht nur einen Zugang unter anderen dar, sondern einen Zugang, der sich in ganz besonderer Weise dafür eignet. Diese Aussage lässt sich mit Hilfe von Heideggers philosophischer Analyse des Gestimmtseins begründen.
Träume fokussieren – genau so wie Stimmungen, aber in sehr viel grösserer Ausdrücklichkeit – das, was uns zur Zeit im Leben konkret und auch grundsätzlich beschäftigt, und die Art und Weise, wie es uns beschäftigt. Mit dem Ansatz, dass Träume zu verstehen sind als Niederschlag bzw. als Konkretisierung wichtiger emotionaler Erfahrungen, die uns mit Zumutungen der menschlichen Existenz
konfrontieren, hat die Daseinsanalyse einen stimmigen und in mehrfacher Hinsicht aufschlussreichen Sinnhorizont für das Traumverständnis vorgelegt.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz ist, Heideggers Daseinsanalytik in Sein und Zeit folgend, immer als eine Auseinandersetzung mit beängstigenden Seins-bedingungen aufzufassen – auch die „schönen“ Träume verweisen folglich auf eine zu Grunde liegende Problematik. Diese These gründet
in Heideggers Auslegung der Bedeutung des Gestimmtseins: Er macht den Bezugspunkt jeder Stimmung, egal ob sie nun gehoben oder gedrückt ist, im untergründigen Wissen fest, dass das Leben grundsätzlich eine schwierige Aufgabe für uns ist. In einer gedrückten Stimmung zeigt sich diese „Last“ des Lebens direkt, in einer gehobenen Stimmung indirekt, nämlich als momentane, aber nicht selbstverständliche Entlastung. Da Träume Stimmungen gleich-zusetzen sind, geht es im Traum natürlich immer um die ganz persönliche, subjektive Sich des Träumers. Der Traum zeigt nicht einen „objektiven“ Zustand des Träumers, sondern sein Verhältnis zu sich selbst: Im Traum zeigt sich, wie dem Träumer selbst seine Problematik und sein Umgang mit der Problematik vorkommt und wie er sich darin fühlt.

Träume handeln also von der gegenwärtigen Erfahrung und Sicht auf eine wichtige existentielle Problematik, die schon im Wachen stimmungsmässig spürbar ist. Im Traum erfahren wir uns nun konkret und in grosser Ausdrücklichkeit damit befasst. Es handelt sich dabei um eine Problematik, die den Träumer in seiner aktuellen Situation beschäftigt, ihn aber auch in vielen anderen konkreten proble- matischen Erfahrungen seiner Lebensgeschichte beschäftigt hat.

Zur Illustration ein kleines Beispiel: Eine Träumerin erzählte, sie habe geträumt, dass ihr geliebter Hund plötzlich gestorben sei und dass sie darüber unfassbar traurig gewesen sei. Der Traum befremdete sie, denn wachend war sie am Vortag
des Traumes nicht ängstlich, sondern freudig auf den Hund bezogen gewesen:
Nach einer Ferienabwesenheit war sie sehr berührt gewesen über das
Wiedersehen mit dem Hund und dessen überschwängliche Wiedersehensfreude. Wie ist dieser Gegensatz zu verstehen, wenn man – wie die daseinsanalytische Methode von ihrer Theorie her fordert – phänomenologisch bleiben will und also nicht eine einfache Verkehrung ihrer freudigen Stimmung ins Gegenteil annehmen
kann? Die Freude der Träumerin über das Wiedersehen mit dem Hund verweist – als Hintergrund dieser Freude – auch auf eine grund-sätzliche Problematik, auf die die Träumerin bezogen war. Offenbar empfand sie die freudige Bezogenheit des Hundes auf sie nicht als Selbstverständlichkeit. Nicht in erster Linie, weil der Hund während ihrer Abwesenheit ja auch hätte gestorben sein können, auch nicht, weil er, ihre Abwesenheit übel nehmend, hätte schmollen
können, sondern vor allem deshalb, weil sie untergründig um die grundsätzliche Endlichkeit, Vergänglichkeit und Unsicherheit von Beziehungen weiss. Das stimmungsmässige Aufscheinen dieses Wissens – für das es zur Zeit diesesTräumens noch andere konkrete Anlässe gab – hatte sie als unfassbar traurige Wahrheit getroffen, als etwas so unfassbar Trauriges, wie dies der Tod des Hundes in ihrer Vorstellung wäre. Dies ruft nun nach einer Auslegung der
Bedeutung, die der Hund für die Träumerin hat. Wenn wir vermuten, dass es sich um die sprichwörtlich hingebungsvolle treue Liebe handelt, die Hunde in ihrer Beziehung zum Menschen auszeichnet, dann verweist der Traum darauf, dass die Träumerin sich in ihren Beziehungen nach solcher Beständigkeit und Unbedingtheit sehnt; dies deshalb, weil sie untergründig um die Unsicherheit und
Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen weiss und diese fürchtet.
Wir sehen, es geht im Traum nicht eigentlich um den konkreten Hund, also um das, was sich manifest zeigt, sondern um die latente Bedeutung des Hundes – also um die Bedeutung von „Hundehaftem“ im allgemeinen Verständnishorizont, besonders aber um die Bedeutung von „Hundehaftem“ im individuellen Horizont der Träumerin, d.h. in Bezug auf die besondere Bedeutung,
die dieser Hund für sie hat. Der Hund verweist als treffendste Illustration auf ein wichtige existentielle Auseinandersetzung, die die Träumerin zur Zeit umtreibt. Aus dem konkret-manifesten Traumgeschehen werden die grundsätzlichen, aber für die Träumerin doch spezifischen Ängste und Wünsche ausgelegt: hier die Angst vor Beziehungsverlust und der entsprechende Wunsch nach Beständigkeit
von „Liebe“. (Auch was hier mit Liebe gemeint ist, könnte übrigens weiter ausgelegt werden).

Ausgelegt wird also erstens die Art der schmerzlich empfundenen existentiellen Wahrheit, zweitens aber auch die derzeitige Antwort darauf. Wird die schmerzliche Wahrheit negiert oder akzeptiert? Die Antwort kann in vielen Variationen und Nuancierungen auf die eine oder andere Seite tendieren. In unserem
Beispiel zeigt sich die Antwort im Gefühl der Trauer. Das Gefühl von Trauer beinhaltet, dass diese spezifische unfassliche Wahrheit, die zum menschlichen Sein gehört, zwar schmerzlich wahrgenommen wird, aber, weil als unabdingbar erkannt, doch hingenommen werden kann. Die Träumerin fühlt sich, wenn auch nicht leichten Herzens, der Zumutung gewachsen. Sie erliegt dem Schmerz nicht,
wie dies in der Depression geschieht.

Bei der Traumauslegung in daseinsanalytischer Sicht geht es um die ganz persönliche derzeitige Sicht und Antwort auf fundamentale Fragen des menschlichen Existierens, und zwar um Fragen, die den Träumenden mehr oder weniger quälend, nie aber als selbst-verständliche Gegebenheit beschäftigen. Träume, unter diesem Aspekt ausgelegt, zeigen, mit welchen spezifischen Ängsten sich der Träumende auseinandersetzt und wie er in seiner Sicht damit zurecht kommt. So gibt uns die Beachtung der Träume einen roten Faden mit aufschlussreichen Kriterien für die „Evaluierung“ des psycho-therapeutischen Prozesses in die Hand, sowohl in Bezug auf die besondere Charakteristik und die Intensität des Leidens
als auch in Bezug auf therapeutisch angestrebte Schritte in Richtung einer mutigeren Haltung gegenüber existentiell unabdingbar Schwierigem.

Daseinsanalytisches Seminar
Gesellschaft für hermeneutische
Anthropologie und Daseinsanalyse
KontaktHome Impressum