Gion Condrau (1919 – 2006)
Ein Nachruf
Alice Holzhey

Am 21. November des vergangenen Jahres ist Gion Condrau nach längerer Krankheit gestorben. Er gehörte zu den wichtigsten
Repräsentanten der Daseinsanalyse. Bereits während seiner Ausbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten wurde er Schüler von Medard Boss und bald auch dessen engster Mitarbeiter. Seine Bedeutung für die Daseinsanalyse liegt zum einen darin, dass er mit vielen Publikationen und Vorträgen das daseinsanalytische
Gedankengut einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte. Ebenso bedeutsam war sein Bemühen, der Daseinsanalyse eine institutionali-sierte Form zu geben. Auf seine Initiative hin wurde 1970 die Schweizerische Gesellschaft für Daseinsanalyse und ein Jahr später
das Daseinsanalytische Institut für Psychotherapie und Psychosomatik gegründet. Im Institut wurde erstmals eine Ausbildung in daseins-analytischer Psychotherapie angeboten und damit klargestellt, dass die von Boss begründete Daseinsanalyse, anders als jene von Ludwig Binswanger, nicht nur eine neue psychiatrische Denkrichtung sein wollte, sondern auch eine besondere Form von Psychotherapie.

Gion Condrau war von Anfang an Direktor des Instituts und er prägte mit seiner Persönlichkeit sowohl dessen Geist wie auch dessen Organisationsform. Letztere bestand darin, dass das Institut nicht nur ein Ort für Lehrveranstaltungen war, sondern zugleich ein Ambulatorium für Psychotherapie, in dem die DaseinsanalytikerInnen
in Ausbildung die Möglichkeit bekamen, in einem geschützten
Rahmen den Einstieg in die Praxis zu finden, und zwar als Angestellte des Instituts. Das war nur möglich, weil das Institut dank der grossen Bekanntheit von Gion Condrau für viele Hausärzte des Kantons Zürich die Adresse war, an die sie Patienten zwecks psychotherapeutischer Abklärung und Behandlung überwiesen. Für die Ausbildungs-kandidatinnen und -kandidaten bedeutete dies allerdings, dass sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber unvermeidlich in einem hohen Grad
von Abhängigkeit befanden. – Es ist ein offenes Geheimnis, dass Condraus Führungsstil nicht jedermanns Sache war. Er bildete denn auch ein gewichtiges Motiv für den im Jahre 1983 vom damaligen Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Daseinsanalyse gefällten Entscheid, im Rahmen der SGDA eine alternative Ausbildung in Daseinsanalyse anzubieten, welche heute durch das Daseins- analytische Seminar getragen wird.

Mit sicherem politischen Instinkt erkannte Condrau die Notwendigkeit, sich als institutionalisierte Daseinsanalyse international zu vernetzen. Bereits 1973 fand das Daseinsanalytische Institut dank seinen Bemühungen Aufnahme in die International Federation of Psychoanalytic Societies IFPS – ein Schritt, dem Medard Boss skeptisch gegenüberstand, war für ihn die Daseinsanalyse doch etwas so radikal Neues und Anderes, dass ihm der Anschluss an eine psychoanalytische
Vereinigung als Preisgabe ihrer Exklusivität erscheinen musste. In dieselbe Richtung zielte die Pflege der Beziehung zu der in Deutschland verbreiteten Bewegung der „phänomenologischen Anthropologie und Psychotherapie“, insbesondere zu der Gruppe um Dieter Wyss und Hermann Lang in Würzburg. Ein Erfolg dieser Bemühungen war unter anderem, dass die Zeitschrift „Daseinsanalyse“, die wiederum dank Condrau 1986 ins Leben gerufen wurde, auch zum offiziellen Organ der „Deutschen Gesellschaft für anthropologische und daseins-analytische Medizin, Psychologie und Psychotherapie“ wurde. 1991 gründete Condrau die „Internationale Vereinigung für Daseinsanalyse“ (IVDA) und erreichte als deren Präsident, dass ihr auch Gruppierungen in Österreich, Frankreich und England beitraten und in vierjährigen Abständen, sei es in Zürich, London oder Wien, Kongresse stattfanden.

Die vielseitigen Aktivitäten Condraus zeugen von Vitalität und Temperament. Es mag darum erstaunen, dass er den Beruf des (analytischen) Psychotherapeuten ausübte, dessen Setting dazu zwingt, sich selber zurückzunehmen und das eigene Tun über weite Strecken auf ein geduldiges Zuhören zu beschränken. In den
Ausbildungsveranstaltungen hingegen durfte er seine Begabung als leidenschaftlicher und auch schlagfertiger Debattierer voll entfalten. Vor allem in der Zeit, als er die Mittwoch-Seminare noch zusammen mit Medard Boss leitete, war er immer bereit zum Widerspruch. Und wenn dieser Widerspruch auch nicht in jedem Fall sachlich begründet war, so hatte er doch den positiven Effekt, dass den Seminar-teilnehmern klar wurde, dass hier nicht einfach eine sakrosankte Lehre
verkündet werden sollte. Condrau war es (zusammen mit Alois Hicklin) damals auch zu verdanken, dass neuere Entwicklungen der Psychoanalyse nicht einfach ignoriert oder aber vom philosophischen Standort des Heideggerschen Seinsdenkens aus als unhaltbar zurückgewiesen wurden. Er verzichtete auch in seinen Schriften wohltuend darauf, die Besonderheit der Daseinsanalyse durch polemische Entwertung anderer philosophischer und psychologischer Auffassungen herauszustellen. Ein echtes Fragen und Weiterdenken war ihm trotzdem fremd, was mit seinem politischen Naturell zusammenhängen mochte. Auch neigte er dazu, in sachlichen Diskussionen für seine Auffassung selbst dann phänomenologische
Evidenz zu beanspruchen, wenn sie wenig stichhaltig war. Das hing allerdings nicht nur mit seiner Person zusammen, sondern auch damit, dass Martin Heidegger in den gemeinsam mit Medard Boss durch-geführten Zollikoner Seminaren die phänomenologische Methode als „Wesensschau“ definierte und es damit den Autoritätspersonen leicht machte, für sich den „Wesensblick“ zu beanspruchen.
Daseinsanalytisches Seminar
Gesellschaft für hermeneutische
Anthropologie und Daseinsanalyse
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