Das psychotische Agieren
Frédéric Soum
Im Rahmen der Ausbildung am Daseinsanalytischen Seminar hat Frédéric Soum eine Abschlussarbeit vorgelegt, welche auf eine daseinsanalytische Interpretation des psychotischen Agierens abzweckt. Der integrale Text ist französisch verfasst und kann beim Autor bezogen werden. Die im Folgenden abgedruckte Zusammen- fassung wurde im gemeinsamen Seminar vom 7. November 06 vorgetragen und diskutiert.
Die Daseinsanalyse versteht seelisches Leiden als eine verdeckte Auseinandersetzung des Daseins mit sich selbst, respektive mit den widersprüchlichen existentiellen Bedingungen der conditio humana. Im Versuch, das psychotische Leiden zu verstehen, nehme ich an, dass die psychotischen Symptome ebenfalls eine Antwort auf ontologische Problematiken darstellen. Weiter nehme ich an, dass die Besonderheit dieser Antwort in einer Form von „Agieren“ liegt. Um die
Besonderheit des „psychotischen Agierens“ herauszuarbeiten, werde ich zunächst die Antwort des „Man“ im Sinne Heideggers, welche in öffentlichen und allgemein anerkannten Sinndeutungen besteht, dann das neurotische agieren sowie das depressive Darniederliegen beleuchten. Lebenserfahrungen, welche traumatisierend sein könnten, werden meist im Sinne des „Man“ interpretiert, was vor einer traumatisierenden Wirkung dieser Erfahrungen zu schützen vermag. Im Verfallen an die öffentliche Ausgelegtheit der Welt sind die ontologischen Grundwahrheiten relativiert und damit entdramatisiert.
Das „Man“ scheint stimmungsmässig taub gegenüber der conditio
humana, bewahrt aber zugleich auf diskrete, subtile Weise einen thematischen Bezug zu den ontologischen Bedingungen des Daseins. Geht die Auseinandersetzung tiefer als die allgemeine Ausgelegtheit, kann unerwartet und scheinbar grundlos Angst auftauchen.
Die neurotische Antwort schwankt zwischen dem Versuch der Beherrschung/ Überwindung und der Vermeidung/Verdeckung ontologischer Wahrheiten. Von aussen betrachtet, handelt und denkt das neurotische Subjekt zwar inadäquat, aber immer konkret in konkreten Situationen. Es konzentriert sich ganz auf den jeweiligen konkreten Handlungszweck. Seine Handlungsstrategien sollen es beruhigen, ihm ein Gefühl von Sicherheit in unkontrollierbaren
Situationen vermitteln. Nach daseinsanalytischem Verständnis wird das neurotische Subjekt in bestimmten ontischen Objekten und Situationen von verborgenen ontologischen Themen (den „ontologischen Einschlüssen“) angegangen.
Das Agieren des neurotischen Subjekts besteht darin, ontologische Problematiken so zu behandeln, als handle es sich um konkrete, ontische Situationen und Objekte. In diesem Sinne „ontisiert“ das neurotische Subjekt die ontologischen Problematiken. Das Anliegen des neurotischen Agierens besteht darin, die empfundene Angst auf einem erträglichen Niveau zu halten. In der niedergeschlagenen Stimmung wird dem depressiven Subjekt auf schonungslose, direkte Weise die Last der conditio humana – „dass ich bin und zu sein
habe“ (Heidegger) – offenbar. In der Erkenntnis, dass keine Handlungs- oder Anpassungsstrategie diesbezüglich Entlastung zu bieten vermag, verliert das depressive Subjekt zunehmend den Mut, das Leben selber zu übernehmen und zu führen. Es versinkt in Ohnmacht. Darauf wartend, dass die unerträglichen Existenz- bedingungen von selbst erträglicher würden, verschiebt das depressive
Subjekt alle Auseinandersetzung mit mühsamen Situationen auf einen ungewissen späteren Zeitpunkt. Es demissioniert angesichts der Aufgabe, als Subjekt unter den gegebenen (unveränderbaren) Seinsbedingungen das Leben führen zu müssen. Immer häufiger übernehmen nahestehende Personen Entscheidungen
für den Depressiven, dieser übergibt sich somit gleichsam den andern. Weil das depressive Subjekt die für den Neurotiker typische Illusion verloren hat, agierend auf die Seinsbedingungen Einfluss nehmen zu können, kapituliert es. Im Wissen um die Unmöglichkeit, Erleichterung im Verfallen an das „Man“ zu finden, bleibt das depressive Subjekt in der Standby-Position. Es wartet ohne Erwartung, beklagt sich, findet es unfair, dass ihm solche „nichtigen“ Lebensbedingungen
zugemutet werden. Seine klarsichtige Position ermöglicht ihm zwar, die mensch-liche Grundsituation zu erkennen, jedoch kann es diese nicht anerkennen. – Ein möglicher Ausweg aus der Depression wäre die Trauer als jener Prozess, in welchem das Subjekt die Illusion, durch War en etwas gewinnen zu können, aufgibt und sich bereit findet, das Leben unter den vorgegebenen Seinsbedingungen zu führen und zu verantworten.
Das psychotische Subjekt ist von einer unerträglichen Angst, der psychotischen Angst, überwältigt. Es fühlt sich im Ganzen von Vernichtung, Zerstückelung und Zerstörung bedroht. An dieser Stelle möchte ich auf die Verwandtschaft der psychotischen Angst mit Heideggers Beschreibung der existenzialen Angst, welche
in ihrer allumfassenden Unbestimmtheit ebenfalls das Dasein im Ganzen bedroht, aufmerksam machen. Im Unterschied zu jener kann die existenziale Angst, zumindest als Möglichkeit, „im Willen zur Wahrheit“ ausgehalten werden. Das psychotische Subjekt ist hilflos und nackt der Angst ausgeliefert, die unaushaltbar erscheint, weshalb das Subjekt bei allen Abwehrbemühungen gegen die Angst jederzeit destabilisierbar ist, ständig an der Schwelle zur Dekompensation
lebt. Es gibt keine Pufferzone, welche die Gewalt der Angsterfahrung verringert. Die besondere Empfindlichkeit des psychotischen Subjekts ist radikal und bleibt rätselhaft. Diese Hellhörigkeit ist vergleichbar mit der unvorbereiteten Offenständigkeit des kindlichen Subjekts gegenüber Einbrüchen ontologischer Erfahrungen. Wie Kleinkinder, welche für erstmalige ontologische Erfahrungen offen stehen, scheint das erwachsene psychotische Subjekt unvorbereitet offen für die überwältigenden Stimmungen ontologischer Erschlossenheit.
Das psychotische Agieren basiert weder auf der Verdrängung noch auf der (vertikalen) Spaltung, sondern auf der Verweigerung. Die „Verdrängung“ von konflikthaften und unrealisierbaren Wünschen erlaubt dem neurotischen Subjekt vor sich selber zu fliehen. Es verbirgt die (ontologischen) Wünsche vor sich selbst. Deshalb ist trotz unverständlicher Symptome und Träume die Kontinuität des
Selbstverständnisses gewährleistet. Dank dieser Kontinuität wird das neurotische Subjekt immer wieder von neuem versuchen, agierend sich seine verborgenen Wünsche zu erfüllen und dadurch der Angst zu entkommen. Die „Spaltung“ willder Angst dadurch entkommen, indem sie eine Kontinuität des Selbstverhältnisses verhindert. Durch eine abwechselnde, je bruchlose Identifizierung mit der einen oder andern der beiden widersprüchlichen Konfliktparteien, versucht das narzisstische Subjekt die unzumutbare Konflikthaftigkeit der conditio
humana zu überwinden. Weil das narzisstische Subjekt die bedrohliche Widersprüchlichkeit der ontologischen Dimensionen vergisst und vernachlässigt, löst die überraschende Konfrontation mit der Widersprüchlichkeit der Realität bei ihm narzisstische Wut aus.
Die „Verweigerung“ des psychotischen Subjekts ist radikaler sowohl als die Verdrängung wie als die Spaltung. Es ist die Weigerung, sich überhaupt auf die ontische Realität einzulassen, insofern sie von sich her auf die unverrückbaren Seinsbedingungen verweist. Gleichsam reflexartig wird jede bedrohliche Wahrnehmung abgewiesen. Im Uterschied zur vertikalen Spaltung kennt die Verweigerung keine abwechselnde Identifikation mit verschiedenen Sichtweisen.
Sie trifft im Grunde die bestimmte ontologische Problematik, von welcher das Subjekt angegangen wird (zum Beispiel: "dass alles ein Ende hat"). Diese thematische Verweigerung kann allerdings die diesbezügliche Angst nicht tilgen. Das psychotische Subjekt wird deshalb versuchen, auch das Spüren der Angst zu verweigern.
Dies zeigt sich deutlich im Symptom der Erstarrung sowie in den
Stereotypien und Selbstverletzungen. Erstarrung und Stereotypien scheinen eine Hemmung des Erlebens zu bewirken, die Selbst-verletzung ihrerseits scheint ein Versuch zu sein, das Spüren der Angst durch Schmerz zu verdecken und zu ersetzen.
Die Verweigerung, ontologische Thematiken wahrzunehmen und die Angst zu spüren, impliziert eine Verwerfung der ontisch-konkreten Realität. Das psychotische Subjekt befindet sich deshalb in einer unverständlichen Leere. Als Folge wird es ein mehr oder weniger systematisches, privatisiertes Erklärungssystem entwickeln (einen „idios kosmos“, wie Binswanger sagte), welches ihm eine
gewisse Kohärenz und relative Erleichterung bietet. In diesem Sinne sind die Wahnvorstellungen ein Versuch, das Vakuum, welches durch die Verweigerung entstanden ist, mit neuen (privaten) ontisch-ontologischen Rekonstruktionen respektive alternativen Erklärungen zu füllen, welche unabhängig sind von den kollektiven Erklärungen des „Man“, auch wenn Versatzstücke daraus entliehen
sind.
Im Unterschied zum psychotischen Subjekt hat das neurotische Subjekt die widersprüchlichen existentiellen Bedingungen grundsätzlich erkannt und setzt sich mit ihnen auseinander, indem es sie ontisiert, das heisst sie agierend zu ändern versucht. Das psychotische Subjekt verweigert diese Erkenntnis und kann
sich folglich auch nicht agierend mit ihnen auseinandersetzen. Sein Agieren besteht darin, die bedrohlichen Bedingungen der conditio humana durch eine eigene ontisch-ontologische Konstruktion von Welt und Selbst zu ersetzen, in den es sich zu halten versucht.
Frédéric Soum
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