Auf Heidegger zulaufen
Zu Thomas Sluneckos Buch Von der Konstruktion zur dynamischen
Konstitution. Beobachtungen auf der eigenen Spur
(2., überarbeitete Auflage, Wien, facultas.wuv 2008)
Alice Holzhey-Kunz
Wie der Untertitel Beobachtungen auf der eigenen Spur ankündigt, handelt essich um ein Sachbuch der besonderen Art. Denn statt einfach zur Sache zu reden, blickt Slunecko auf die Stationen seines bisherigen Denkweges als Kultur psychologe zurück. Man mag sich erstaunt fragen, woher jemand in noch jungen Jahren schon die Überzeugung nimmt, sein eigener Denkweg sei von allgemeinem
Interesse und darum publikationswürdig. Doch die Lektüre gibt Slunecko recht, wird man dabei doch nicht nur in drei wichtige erkenntnistheoretische und anthropologische Positionen eingeführt, sondern bekommt zugleich Einblick in die innere Logik, die diesen Weg, ausgehend vom Positivismus über den Konstruktivismus hin zu einer medientheoretischen Position, leitet. Vom Positivismus zum Konstruktivismus. Ausgangspunkt ist die Misere der universitären Psychologie, die sich heute fast ganz dem Positivismus verschrieben
hat. Verloren ist der frühere Methodenpluralismus, geblieben ist empirische Forschung mit quantitativen Methoden, die angeblich allein wissenschaftliche Erkenntnis zu generieren vermag. Sluneckos Wunsch und Wille, aus der Enge und Ödnis dieser Psychologie auszubrechen, ist deshalb bei allen hinzukommenden persönlich -biographischen Motiven in erster Linie sachlich begründet (vgl. S. 8).
Ein wichtiges Zielpublikum des Buches bilden denn auch all jene Psychologen, die sich ihre Ausbildung an der Universität holen (müssen) und also ein vergleichbares „Bildungsschicksal“ erleiden bzw. erlitten haben. – Für Slunecko war es zunächst der in den 1990er Jahren an der Universität Wien von Wallner vertretene
konstruktive Realismus, welcher ihm eine kritische Distanzierung ermöglichte. Denn der Konstruktivismus richtet das Augenmerk auf das im Positivismus systematisch verleugnete Subjekt und dessen realitätsgenerierende Leistungen. DieWende vom Positivismus zum Konstruktivismus ist also die Wende von einem naiven
Objektivismus zu einem reflektierten Subjektivismus. Was dem Positivisten als reales, für sich bestehendes „Objekt“ gilt, erweist sich in konstruktivistischer Sicht als vom Subjekt konstruiert. Damit ist die (vermeintliche) Objektivität empirischer Forschung als Illusion entlarvt, und das Interesse kann sich auf die persönlichsubjektive
wie auch auf die kollektiv-kulturelle Abhängigkeit jeglicher Wissens -
bestände richten. Vom Konstruktivismus zur Medientheorie. Doch für Slunecko ist der Konstruktivismus nur ein relativ kurzer Zwischenhalt auf dem Weg zu jener Position, für dessen Entfaltung das Buch den grössten Teil bereit stellt. Diese dritte Position als „Medientheorie“ zu bezeichnen, ist allerdings ein unbefriedigendes Kürzel, denn es geht um mehr, nämlich um den Entwurf einer medientheoretisch geleiteten
und zugleich philosophisch fundierten Anthropologie und Kulturge -
schichte. Es sind dieselben zentralen geistigen Strömungen des 20. Jahrhunderts, welche Slunecko das Ungenügen des Konstruktivismus vor Augen führen und welche auch die neue Etappe seines Denkweges prägen. Dazu gehören Husserls Phänomenologie und Heideggers existenziale Anthropologie einerseits, Maturanas und Luhmanns Systemtheorie und McLuhans Medientheorie andererseits.
Man mag erstaunt sein, welch unterschiedliche Denkrichtungen hier
zusammenkommen. Für Slunecko ist jedoch entscheidend, dass ihnen bei aller sonstigen Disparatheit gemeinsam ist, nicht mehr in den Kategorien von Subjekt und Objekt zu denken. Auf den Ausstieg aus diesem seit der Antike in Philosophie und Wissenschaft herrschenden Denkmuster aber kommt es an. Gleichgültig also, ob man von Heidegger oder von Maturana oder von McLuha aus den Blick auf die bisher vorgestellten Positionen des Positivismus und des
Konstruktivismus richtet, man gewinnt eine Aussenperspektive, von welcher aus die beiden vermeintlichen Antipoden unversehens zusammenrücken. Beide verharren im vorurteilshaften Gegensatzpaar von Subjekt und Objekt, und ihr Streitgeht lediglich darum, welchem der Vorrang oder gar die Herrschaft über das andere zuzuerkennen sei.
Sluneckos Abwendung vom Konstruktivismus verdankt sich also der Er
kenntnis, dass man zu kurz greift, wenn man gegen den positivistischen Objektivis mus lediglich einen konstruktivistischen Subjektivismus ins Feld führt, und dass es stattdessen gilt, jenes Vorurteil zu überwinden, dem Positivismus und Konstruktivismus gemeinsam aufsitzen. Dabei muss sich der Konstruktivismus
nun noch zusätzlich den Vorwurf des Idealismus gefallen lassen, da er das Subjekt nicht nur (wie der Positivismus) ins „Gegenüber“ zur Welt setzt, sondern es auch noch als jenen „Ausnahmepunkt“ denkt, der die ganze Welt in sich befasst.
Die medientheoretische Position ist nicht nur die dritte in der Sukzession der bisher durchlaufenen Positionen, sondern sie vertritt auch jenes „Dritte“, das weder der Subjekt- noch der Objektseite zugeschlagen werden kann: das Medium. Dass Slunecko den Konstruktivismus zugunsten einer Medientheorie verlässt, ist keineswegs selbstverständlich. Zwei andere Vorschläge, die gerne als
intersubjective turn und als linguistic turn bezeichnet werden, sind weit gängiger und entsprechend ausgetretener. Slunecko hat aber gute Gründe, bei seinem Vorschlag zu bleiben. Denn während die Wende zur Intersubjektivität immer noch an einer grundsätzlich dualen Relation festhält und damit die Bedeutung des Dritten verkennt, verabsolutiert die Wende zur Sprache ein einziges, wenn
auch zweifellos wichtiges Medium, und engt damit die Sicht auf die grundsätzliche Bedeutung von Medien für den Menschen unnötig ein.
Was sind Medien? Es sind Gegebenheiten, die dem Menschen zwar äusserlich sind, ihm aber nicht als Objekte gegenüber stehen, sondern für seine Konstitution eine so massgebliche Rolle spielen, dass sich ohne Medien vom Menschen gar nicht sprechen lässt. Weil der Positivismus nur subjektunabhängige Objekte kennt, der Konstruktivismus hingegen nur subjektive Konstrukte, muss beiden Richtungen die konstitutive Bedeutung dieser in der Mitte stehenden
Grössen verborgen bleiben (S.24). Kommt man wie Slunecko vom
Konstruktivismus her, dann liegt das Neue auch in der Wieder- einführung von subjektunabhängigen, äusserlich-materialen Gegebenheiten. Dass daraus schon folgt, dass es sich bei der Medientheorie um eine Spielart von Materialismus handelt – Slunecko spricht von „erleuchtetem Materialismus“ – scheint mir allerdings
etwas vorschnell behauptet.
Auf Heidegger zulaufen. Der Titel Von der Konstruktion zur dynamischen Konstitution spricht von einer doppelten Wende. Was zuerst nämlich nur ein Wechsel von erkenntnistheoretischen Positionen zu sein scheint: vom Positivismus
über den Konstruktivismus zur Medientheorie, erweist sich im Laufe des Buches zugleich als eine Wende von der Erkenntnistheorie zur Ontologie bzw. zur philosophischen Anthropologie. Es geht Slunecko darum, Menschwerdung und Mensch sein vom Medienbezug her zu denken. Den Anstoss dafür hat ihm McLuhan‘s Medientheorie gegeben. och die bereits erwähnten Denkströmungen, welche ihn vom Konstruktivismus weggeführt haben, bilden dabei ebenfalls einen wichtigen Part. Auffallend, weil unüblich, aber umso fruchtbarer
ist die Art, wie Sunecko sie aufnimmt. Statt einfach je die passenden Teile daraus zu rezipieren und irgendwie zu verbinden, führt er die unterschiedlichen Denkansätze auch gegeneinander ins Feld und zeigt auf diese Weise, wo die Stärken und Schwächen der einzelnen Denkströmungen liegen.
Dazu eine Kostprobe, die das diesbezügliche Raffinement zeigt. Es besteht darin, mit Heideggers Ontologie einen Schwachpunkt des systemtheoretischen Ansatzes auszumachen und zugleich mit der Systemtheorie die Schwäche von Heideggers ontologischem Ansatz offen zu legen. Die Systemtheorie muss sich
aus der Perspektive Heideggers sagen lassen, dass sie den Menschen unweigerlich „rebiologisiert“, wenn sie ihn wie alle anderen Lebewesen den Leitkategorien von System und Umwelt unterstellt und damit die grundlegende Differenz von „Umwelt“ und „Welt“ ignoriert (S. 94). Doch umgekehrt muss sich Heideggers Ontologie aus system-theoretischer Perspektive den Vorwurf des Statischen gefallen
lassen. Statisch ist Heideggers ontologische Bestimmung des Menschen deshalb, weil sie immer schon mit dem Menschen anfängt und damit implizit vorgibt, er sei vom Himmel gefallen, und dabei die Dynamik seines Gewordenseins ausblendet. Diese Kritik an Heidegger trifft natürlich über Heidegger hinaus ganz generell die philosophisch-apriorische „Konstruktion“ des Menschen, die auf alle Empirie glaubt verzichten zu können und für sich erst noch vorrangige Geltung
beansprucht (S. 100f.).
Für Slunecko besteht kein Zweifel, wie der ahistorische Charakter von
Heideggers Ontologie zu überwinden ist. Es gilt, so seine Devise, die traditionelle Verhältnisbestimmung von ontologisch und ontisch „auf den Kopf zu stellen“, was konkret bedeutet, den Weg einer empirisch-phänomenologischen Analyse der natürlichen Entstehungsgeschichte des Menschen zu beschreiten, der auf Heideggers ontologischen Befund zuläuft, statt von ihm auszugehen, als ob es sich dabei um einen unhintergehbaren Anfang handelte. Heideggers ontologische
Bestimmung des Menschen bleibt auf diese Weise in Geltung, wird aber
historisiert und damit verzeitlicht. Für Slunecko besteht kein Zweifel, warum Heidegger einem statischen Denken verhaftet bleiben musste. Er kannte die Systemtheorie noch nicht, die ein empirisches Zulaufen auf Heideggers ontologischen Befund überhaupt erst möglich machte. Denn erst die Systemtheorie hat mit der traditionellen Vorstellung von Entwicklung als „Ausfaltung von schon Angelegtem“ gebrochen. Das aber ist die Voraussetzung, um menschliche Evolution als einen dynamischen Prozess denken zu können, aus dem etwas wirklich
Neues entstehen konnte: der nicht mehr in die Umwelt verspannte, sondern weltoffene Mensch.
Der Buchtitel Von der Konstruktion zur dynamischen Konstitution beinhaltet also sowohl ein methodologisches wie ein anthropologisches Programm. Das philosophisch-ontologische Fragen nach dem Menschsein soll vom Elfenbeinturm heruntergeholt und mit Empirie gesättigt werden, was zu einem dynamischen statt statischen Begriff des Menschen führt. An die Stelle der philosophischen Frage nach dessen Wesen soll die historisch-genetische Frage nach dem Wie der
(Selbst-) Konstitution – vom Primaten über den Vormenschen zum heutigen Menschen – treten. Nun liegt das Besondere der in diesem Buch erzählten Entstehungsgeschichte des Menschen meines Erachtens darin, dass sie auf Heidegger zuläuft und deshalb von der philosophischen Grundfrage nach der Seinsverfassung des Menschen geleitet bleibt. Dadurch entgeht Slunecko der Gefahr, sich in blosser Aufzählung empirischer Fakten zu verlieren, und liefert stattdessen eine spannende Interpretation auch scheinbar banaler palä- oanthropologischer Befunde im Lichte von Heideggers Ontologie.
Warum ist die Paläoanthropologie überhaupt kulturtheoretisch relevant? Die Frage ist berechtigt, weil es durchaus unüblich ist, in kulturpsychologischer Absicht soviel Gewicht auf die Entstehungs-geschichte des Menschen zu legen. Salopp gefragt: Was hat denn die Kulturpsychologie überhaupt in der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit verloren? Sluneckos Ausführungen machen überzeugend
klar, dass solche Fragen einem Verständnis von Kultur entspringen, das es zu überwinden gilt. Gerade die heutige Kulturpsychologie muss, wenn sie „volle Augenhöhe mit den Ereignissen des aktuellen Technik- und Kultur - geschehens gewinnen“ will, die Naturgeschichte des Menschen in ihre Überlegungen einbeziehen. Denn erst diese Einbeziehung macht erkennbar, dass der historische Prozess, der zum Menschen geführt hat, zum Menschsein selber gehört und es deshalb – und dieser Schluss enthält nun einigen Zündstoff
– keinen Grund gibt, diesen Prozess als abgeschlossen und das Resultat der bisherigen Entwicklung zum Menschen als endgültig zu denken. Kurz: die Kulturpsychologie braucht einen dynamisch-prozesshaften Begriff vom Menschen, um das heutige geschichtlich-gesellschaftliche Geschehen tief genug zu denken, nämlich als eine Veränderung, die sich zwar auf der Ebene der kulturellen Formen vollzieht, aber deshalb der Natur des Menschen doch nicht
äusserlich bleibt, sondern sie mitverändert. Diese brisante These verdankt sich der Einsicht in die fundamentale Bedeutung der Medien sowohl für die evolutionäre Genese des Menschen wie für die spätere
kulturgeschichtliche Entwicklung. Versteht man den Menschen als „Ausgeburt“ seiner Medien, dann rücken die bislang scharf getrennten Domänen von menschlicher Naturgeschichte hier und Kulturgeschichte dort noch einmal zusammen, weil es in beiden Geschichten um die wechselseitige Dynamik des Menschen mit seinen Medien und der daraus resultierenden Entwicklung geht:
„Unter Beibehaltung der Darwinschen Regeln geben wir dem Affen einen Stein in die Hand und lassen ihn damit so lange arbeiten oder spielen, bis der Stein aus dem Affen den Menschen und der Mensch aus dem Stein die Atombombe gemacht hat.“
Steinmeditation. Slunecko verweilt lange, aber keineswegs zu lange beim Stein als dem ersten Medium, das aus dem Affen den Menschen werden liess. Denn an diesem einfachsten Medium lässt sich veranschaulichen, dass nicht zuerst der Mensch da ist, der dann den Stein ergreift, sondern dass es die Praxis des Vormenschen mit dem Stein ist, die ihn aus dem Tier-Mensch-Übergangsfeld hinausführt in Richtung Mensch. Slunecko bezeichnet diesen Teil selber als
„Steinmeditation“, und er will damit andeuten, dass es ihm nicht darum geht, eine exakt wissenschaftliche Abhandlung vorzulegen, sondern jenen anthropotechnischen Grundzirkel aufzuzeigen, der (Vor-) Mensch und Stein so miteinander interagieren lässt, dass man ebenso gut sagen kann, der Mensch habe sich selber mittels des Steines hervorgebracht, wie auch, der Stein habe den
Menschen erzeugt (S. 117).
Man spürt bei der Lektüre, wie sehr der Autor von der Zirkelhaftigkeit des Verhältnisses von Mensch und Medium fasziniert ist, und wird als Leser von dieser Faszination angesteckt. Das Spiel, das Vormensch und Stein miteinander spielen, wird so anschaulich vorgeführt, dass man der schrittweisen Menschwerdung glaubt zusehen zu können. Das gelingt dem Autor nur deshalb, weil er sich nie in Details verliert, sondern alles der einen Frage unterordnet, wie ein Durchbruch
aus der (tierischen) Umweltverspanntheit in die (menschliche) Weltoffenheit überhaupt möglich werden konnte. Das führt zu erstaunlichen Formulierungen wie etwa jener, dass der Präsapiens den Stein in die Hand nehme und damit beginne, „die Umwelt auf Welt hin zu bearbeiten“. Doch solche poetischen Formulierunen nimmt man Slunecko nur ab, weil er ganz konkret den (noch) tierischen und
den (bald) menschlichen Steingebrauch miteinander vergleicht und die entscheidende Differenz herausarbeitet. Er zeigt, welch grundlegenden Unterschied es macht, ob man als Affe den Stein nur werfen oder ob man als Präsapiens auch lediglich mit ihm drohen kann; analog: ob man als Affe den Stein wirft und es mit dem Wurf auch sein Bewenden hat, oder ob man als Präsapiens „hinter dem Stein herschaut, den man selber geworfen hat, und den Unterschied zwischen
Treffer und Nicht-Treffer erfasst“. Wo ein Lebewesen imstande ist, mit dem Stein nur zu drohen oder nach dessen Wurf das Resultat zu beobachten, da „reisst es die Umwelthülle auf“, da „öffnet sich das Weltfenster“. (S. 107)
Sogar eine Urszene der Menschwerdung malt Slunecko mit einem heimlichen Seitenblick auf Freud aus. Sie ist zwar weit weniger dramatisch, aber doch nicht weniger poetisch als Freuds Mord am Urvater. In ihr geht es statt um einen Mord „bloss“ um das Auftauchen einer Frage: „Wenn der erste Gedanke eines Wesens, das aus seinem Savannendösen aufgeschreckt wird, lautet: ‚wo ist mein
Stock‘, d.h. meine Waffe und mein Werkzeug – dann ist es schon auf dem Weg zum Menschen.“ (S. 105f.)
Mutter-Kind-Medium Sprache. Slunecko ist sich sehr bewusst, dass die wirklichen Bedingungen der Menschwerdung viel komplexer sind, weshalb Stein-, Stock- und Werkzeuggebrauch allein „für den vollen Eintritt in die menschliche Situation“ niemals ausgereicht hätten. Da ist in erster Linie ein anderes, „schwaches“ Medium mitzudenken, das „mindestens ebenso unhintergehbar“ ist wie das „harte“ Medium Stein: die Sprache. Vergleicht man die Affenkommunikation
mit der menschlichen Sprache, dann liegt der Unterschied darin, dass die Laute dem Affen nur dazu dienen, sein momentanes Befinden auszudrücken und mitzuteilen, während der Mensch mit dem Mitmenschen „über ein Drittes“, nämlich „die geteilte Realität“ zu kommunizieren vermag.
Wichtig ist Sluneckos Nachweis, dass die Sprachentwicklung derselben prozessualen Logik folgt wie die Entwicklung der Werkzeuge, und dass beide sich von allem Anfang an gegenseitig bedingen und auch gegenseitig potenzieren. Deshalb ist es dem Autor zufolge wenig sinnvoll, Stein und Sprache gegeneinander auszuspielen und dem einen Medium Vorrang vor dem anderen geben zu wollen. Es erweist sich als weit fruchtbarer, die „Ko-Evolution“ von Stein und
Sprache nachzuzeichnen, wobei Slunecko wiederum Philosophie und Empirie zu verbinden weiss. Zunächst hält er fest, dass das Medium Sprache seinen Ort in der „seelischen Gemeinschaft zwischen Mutter und Kind“ hat, weshalb er es in Abhebung vom „starken“ Medium Stein auch als „weiches“ Medium bezeichnet. Während das Werfen des Steines für die Sprengung jener Umwelthülle steht, in welche Affen noch eingebunden sind, steht die Sprache für die Schaffung einer
neuen – symbolischen – Hülle, welche die offen-unbestimmte Welt für den Menschen erst lebbar macht. Sie kompensiert somit jenen „Überschuss an Weltausgesetzt-Sein“, welche „die Grundangst des Daseins ins Dasein bringt“. Diese Gedanken zur notwendigen Beruhigung der Grundangst sind geleitet von Heideggers berühmten Ausführungen zur Sprache als dem „Haus des Seins“.
Menschen ziehen immer schon in ein sprachlich verfasstes Haus ein, das ihnen allerdings niemals jenen Halt und jene Sicherheit zurückzugeben vermag, welches durch den Auszug aus der Umwelthülle verloren ging. Es bleibt ein „Überschuss“ an Ausgesetzt- heit, der dem Menschen jenes permanente „Hintergrundgefühl“
für die dem eigenen Existieren immanente „Gefährdung“ bereitet. Die Sprache als „Befreundungs- und Anähnelungsmedium“ vermag die Grundangst zwar zu beruhigen, aber nicht ganz zum Schweigen zu bringen.
Kulturgeschichte als systemtheoretische Naturgeschichte. Der lange Exkurs in die Paläoanthropologie lässt sich in kulturpsychologischer Absicht nur rechtfertigen, wenn sich die Evolution der Gesellschaft in analoger Weise erzählen lässt wie die Evolution des Menschen (S. 142; 163). Der letzte Teil des Buches zeigt anhand von überaus interessanten Analysen, vorab zum Medium der Schrift und des
Buchdrucks, dass dem so ist, weil auch die Geschichte der Gesellschaft dem Prinzip der dynamischen Konstitution folgt. Es gibt ohne Medien nicht nur keine Menschen, sondern auch keine Gesellschaften, und diese sind ebenfalls nicht zuerst da, um dann erst ihre spezifischen Medien auszuformen, sondern sie entstehen in dynamischer Wechselwirkung mit diesen. Darum schliesst die Kulturgeschichte nicht nur an die Naturgeschichte an, sondern ist medientheoretisch
betrachtet nichts anderes als Naturgeschichte mit anderen, nämlich kulturspezifischen, kulturbildenden und kulturabhängigen Medien. Die prozessuale Logik bleibt dieselbe: So wie der (Vor-)Mensch den Stein ergreift und von diesem ergriffen wird, so ergreift später der Mensch „die Sprache, die Schrift, das Buch, das Radio, das Fernsehen, das Internet usw. und wird von diesen ergriffen, physiologisch
wie psychologisch, als Individuum und als Kollektiv, in seinen sozialen und kulturellen Bildungen“.
Die dadurch bewirkten Veränderungen laufen alle in der Richtung immer grösserer Distanznahme, durch „Austreibung von Unmittelbarkeit und Ergriffenheit“. Neue Medien wie Schrift und speziell das Vokalalphabet er möglichen die Ablösung des Sinns von den Sinnen, die Trennung von Wissen und Wissendem und ineins damit die Emanzipation des Einzelnen vom Kollektiv (S. 148). Zusammenfassend ergibt sich also, dass die neuen Medien die
ursprüngliche ontologische Revolution des Menschen, sich von der Umwelt zu distanzieren, wiederholen und zugleich potenzieren, weshalb sich die menschli- che und die kulturelle Evolution als eine „Geschichte von Distanztechniken“ erzählen lässt.
Medientheorie ohne Medienapriori. Erhält in einer Theorie, die nicht nur den Menschen, sondern auch die einzelnen Kulturen als „Ausgeburten“ ihrer Medien bestimmt, nicht das Medium die Bedeutung des letzten Verursachers, aus dem sich alles erklären lässt? Slunecko verortet die Gefahr einer zu einseitigen Konzentration auf das Medium vor allem bei McLuhan und setzt sich in der hier
besprochenen 2. und überarbeiteten Auflage des Buches dezidiert davon ab. Auch die Medien fallen nicht vom Himmel, um dann überall dieselbe Wirkung zu entfalten, sondern es hängt von sehr vielem ab, ob sich bestimmte Medien in einer je konkreten historischen Situation zu entfalten vermögen oder nicht (vgl. S. 159). Doch das schmälert ihre eminente Rolle für die kulturelle Entwicklung keineswegs. Denn wenn es auch eine unzulässige Vereinfachung wäre zu sagen,
die römische Reichskultur sei nichts als ein Produkt von Strasse und Schrift, so bleibt doch richtig, dass diese ohne Strasse und Schrift niemals hätte entstehen können. Dasselbe gilt für die Folgen der Erfindung des Buchdrucks oder des Radios. Auch hier ist es zwar zu simplizistisch, Individualismus und Protestantismus aus der Erfindung des Buchdrucks herzuleiten, oder im Faschismus eine Ausgeburt des Radios als jenem „heissen“ Medium zu sehen, auf das ein als Leser
trainiertes Kollektiv nicht vorbereitet war. Mögen aber die Verhältnisse realiter auch viel komplexer gewesen sein, die Frage nach der medientechnischen Fundierung einer jeden Kultur bleibt nicht nur berechtigt, sondern behält eine hohe Aussagekraft.
Medientheoretischer Rückblick auf die eigene Spur. Es passt zur Intention des Buches, „Beobachtungen auf der eigenen Spur“ anstellen zu wollen, dass Slunecko gegen Schluss auch einen medientheoretisch geleiteten Blick auf jene Position des „starken Subjekts“ wirft, die er als Konstruktivist vormals selber vertreten
und dann zugunsten der Medientheorie verlassen hatte. Doch nun geht es ihm nicht mehr darum, den „Wahnsinn des starken Subjekts“ aus einer medientheoretischen Perspektive zu kritisieren, sondern ihn medientheoretisch zu erklären – nämlich als Frucht des Vokal alphabetes. Nicht dank dem Medium Schrift als solchem, sondern erst dank seiner Ausformung als Alphabetschrift konnte sich das starke Subjekt entwickeln. Voraussetzung dafür ist das durch die Alphabetschrift ermöglichte autodidaktische Selbstlesen und Selbstlernen, mit dem der Einzelne aus der früher unabdingbaren Zugehörigkeit zum Kollektiv heraustritt und „autonom“ wird. Das wiederum machte den Weg frei für die Vorstellung, das Subjekt habe eine Ausnahmeposition zur Welt inne, von der aus es sie unbeteiligt
beobachten oder gar konstruieren könne.
Damit ist das starke Subjektkonzept nicht nur medientheoretisch interpretiert sondern zugleich auch historisch relativiert; es erweist sich als eine Auffassung, die heute, da ganz andere, neuartige Medien dominant sind, obsolet ist. Zugleich macht diese Analyse des Subjekts nochmals deutlich, wie unerlässlich es heute ist, die medien- theoretische Perspektive zumindest immer mit einzunehmen. Dies deshalb, weil nur sie die aktuelle Situation vom „anthropotechnischen Grundzirkel“ her in den Blick nimmt und deshalb in der Lage ist, die durch die neuen Medien bewirkte „Versteilung“ der gesellschaftlich-kulturellen Dynamik und ihre Folgen für die Psyche des Einzelnen zu erfassen und zu interpretieren.
Allgemein menschliche Spur und die individuelle Denk-Spur des Autors. Vergleicht man abschliessend Inhalt und Form des Buches, erweisen sie sich als kongruent. Slunecko zeichnet den Weg der dynamischen Selbstkonstitution von Mensch und Gesellschaft bewusst nicht in systematischer Form nach, sondern in der Form der Darstellung seines eigenen Denkweges. Auch das erweist sich im Rück blick als eine Distanzierung vom vermeintlich „starken Subjekt“, das so
tut, als ob es ein von seiner persönlichen Geschichte und seinen persönlichen Vorlieben abgelöster, rein sachbezogener Beobachter zu sein vermöchte. Die Übereinstimmung reicht aber noch weiter, betrifft auch den Ort, von woher die Geschichte des Weges überblickt wird. Dass die anthropotechnische Dynamik nicht abgeschlossen und deshalb der Mensch in seiner heutigen Verfassung nicht als Endprodukt der Evolution zu sehen ist, ist ein Grundgedanke, der das ganze Buch durchzieht (vgl. S. 120f.). Analog versteht auch der Autor das derzeitige Resultat seines eigenen Denkweges nicht als Endpunkt, sondern „eher als Zwischenhalt“. Daran kann man als Leser, der die bisherige Strecke seines Weges mit ihm durchlaufen und dabei die den Autor auszeichnende geistige Neugierde und seinen intellektuellen Drive kennen gelernt hat, nicht zweifeln. Man ist als auf die nächste Etappe gespannt – insbesondere darauf, ob sie wieder zu einer
Relativierung der in diesem Buch so überzeugend vorgestellten medienanthropologischen Position führen wird. Slunecko gesteht gegen Ende der Vorrede, dass von Sloterdijk vor und während der Niederschrift dieses Buches die stärksten Impulse ausgegangen
seien (vgl. S. 30; 81). Das zeigt der Text selber nicht nur durch mannigfache Hinweise auf diesen Autor an, sondern ab und zu auch durch eine gewisse (durchaus überflüssige) Nachahmung von dessen Schreibstil. Doch das Buch behält gleichwohl seine ganz eigene Signatur. Und was den Gewinn der Lektüre anbelangt, so trifft das, was Slunecko von jenen Schriften und Lehrern sagt, die ihn persönlich geprägt haben, auch auf dieses Buch in hohem Masse zu: Es
vermag „in grundsätzlichen Dingen die Augen zu öffnen“.
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