Narzissmus ubd Anerlennung. Narzismus als der durch den Anderen vermittelten Umgang mit sich selbst
"Dieses Bedürfnis nach Anerkennung von Bedürfnissen existiert vermutlich nicht nur in der Spielinteraktion, sondern in jeder interpersonellen Interaktion, z. B. auch in der Fütterungsaktion. Am Lebensanfang mag es genügen, das Bedürfnis nach Nahrung zu stillen, aber nach einer gewissen Zeit kommt es nicht mehr nur auf das Geben der Nahrung an, sondern auch darauf, wie sie gegeben
wird. Kohut hat das schön als ‚empathisch moduliertes Geben von Nahrung' bezeichnet. Beim Menschen muss eben nicht nur der Hunger befriedigt werden, sondern zugleich muss die Art und Weise, wie er artikuliert wird, als legitim anerkannt werden. Der Säugling fragt gewissermassen … :'Ist es richtig und kannst du akzeptieren, dass ich als der und der existiere und meine Bedürfnisse auf diese
oder jene Art zum Ausdruck bringe?"1
David Bürgi
Dieser kurze Text greift eine Thematik aus dem grossen und verwirrenden Gebiet des Narzissmus auf. Führt man sich die Phänomene vor Augen, die mit dem Begriff Narzissmus belegt werden, so drängt unweigerlich die Frage an, worin denn das Gemeinsame in den unterschiedlichen Phänomenen liegen soll, für die der Begriff Narzissmus beansprucht wird. Was verbindet beispielsweise
den schizophrenen Autismus mit dem eitlen Bewusstsein, sich nach der neuesten Mode zu kleiden? Was hat der Stolz des Kindes, das laufen lernt, mit erotischen Verschmelzungswünschen zu tun? Worin treffen sich ein missionarisches Bewusstsein und die Selbst-befangenheit eines Hypochondrischen? Oder, um noch eine Frage zu stellen, was ist der gemeinsame Grund, auf dem die Irritierbarkeit
des Selbstunsicheren und die für eine antisoziale Persönlichkeits-störung typische Gleichgültigkeit gegenüber dem Urteil der Anderen stehen? Angesichts dieser Heterogenität regt sich der Verdacht, ob nicht unter dem Begriff Narzissmus Verschiedenstes zusammen-g worfen worden ist, das keine weitere Verbindung kennt als den blossen Namen. Träfe dieser Verdacht zu, würde manbesser auf den Begriff verzichten, hätte er doch jede Verbindlichkeit im wissenschaftlichen
Diskurs verloren. Vielleicht könnte, so die Arbeitshypothese dieses
Aufsatzes, die Vielfalt der narzisstischen Phänomene aber auch Ausdruck dafür sein, dass mit dem Begriff Narzissmus auf etwas hingewiesen wird, das den menschlichen Grundbedingungen zugehört, dass der Narzissmus einen Grundzug der menschlichen Existenz verkörpert. Das könnte verständlich machen, weshalb
man den Narzissmus "überall" als einen Aspekt der Menschlichkeit antrifft. Es bedürfte eines Blickes in anthropologische Dimensionen, um das Gemeinsame und Verbindende in den als narzisstisch bezeichneten Erlebens- und Verhaltensweisen freizulegen. Dieser Text versucht einen Schritt in diese Richtung zu gehen, ohne sicher zu sein, ob dieser Weg gangbar ist. Er hat vor einer Unterscheidung in gesund und krank anzusetzen, müssen sich doch, gesetzt der Narzissmus
sei ein anthropologisches Konstituens, in der ungestörten Alltäglichkeit jene narzisstisch genannten Züge auffinden lassen, die erst in ihrer Vergröberung und Verkomplizierung die eindrucksvollen pathologischen Komplexe hervorbringen können. Die Phänomenologie und Dynamik der narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann sich der Text deshalb nicht zum Leitfaden nehmen. Ich knüpfe mit meinen Gedanken an die ausgezeichnete Untersuchung von M. Altmeyer Narzissmus und Objekt. Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit an.
Im Narzissmus werden Anerkennung, Bestätigung, Geltung, Recht, Ehre oder Stolz, Würde und Achtung verhandelt, soziale Gefühle also, die nur in ihrer Bezogenheit auf den Anderen verstanden werden können. Der Andere ist dem Narzissmus immer schon mitgegeben, wenn auch oft auf verschwiegene, entwertete oder negierte Weise: das erhebend-überhebliche Bewusstsein der eigenen Autarkie, wie man es oft bei Narzissten antrifft, ist illusionär.
Diese Aussagen stehen im Widerspruch zum üblichen, psychoanalytischen Verständnis des Narzissmus im Sinne der Selbstbezogenheit oder der Selbstliebe,welches sich noch nicht entschieden genug vom Ansatz des primären Narzissmus
verabschiedet hat – in welchem Verhältnis sie zur Auffassung des Narzissmus als Selbstwertgefühlsregulation steht, müsste eigens bedacht werden. Gemeinhin werden bei narzisstischen Reaktionsweisen gerade der Mangel an Empathie, das fehlende Gefühl für den anderen, die explizite Selbstbezogenheit hervorgehoben.
Rücksichtslosigkeit, ausbeuterisches Verhalten oder antisoziale Tendenzen werde zum "pathologischen Narzissmus" gerechnet. Narzissmus ist in dieser Sichtweise Selbstliebe, eine Liebe zu sich selbst, die den anderen nicht braucht, oder wenn sie ihn dennoch braucht, dann nur um den anderen zu eigenen Zwecken zu benutzen (Bewunderung, Bemächtigung, Versorgung u.a.), um ihn zu funktionalisieren oder zu einem blossen Objekt zu machen. Unter diesem Blickwinkel – der sich m.E. der Konzentration auf narzisstische Störungen verdankt – muss die These Altmeyers, dass der Narzissmus von der Anerkennung oder, um mit Freud zu reden, vom Geliebtwerden her zu denken ist – "Wir haben angegeben, dass Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung der narzisstischen Objektwahl darstellt."2 –, merkwürdig erscheinen. Ich meine aber, dass man gut daran tut, Altmeyer zu folgen, wenn man den Narzissmus jenseits von gesund und krank denken will.
Altmeyer weist darauf hin, dass das, was wir im Verlauf unserer Entwicklung als unser Selbst entdecken und kennen lernen, interaktionellen Erfahrungen entspringt. "Erst durch die Erfahrung der Anerkennung durch das primäre Objekt taucht das Selbst als etwas Eigenes auf. Zugleich weicht die Illusion der eigenen Unabhängigkeit der Ahnung der Abhängigkeit von einem Objekt, dessen
Unabhängigkeit allmählich anerkannt wird. Der Narzissmus begleitet diesen Prozess der Differenzierung als exzentrischer Blick auf das Selbst aus der Perspektive des Objekts: als Erbe des Lächelns (oder anderer spiegelnder Äusserungen) der Mutter."3
Das Bezogensein auf mich selbst entwächst, genetisch gesehen, den ersten Beziehungen. Das, was ich im Säuglings- und Kindesalter als eigenes Selbst entdecke und erfahre, konkretisiert sich in der Beantwortung meines Wesens durch meine Bezugspersonen. In dieser Beantwortung erhält das, als was ich mich selber erfahre, seine Gestalt, erhalte ich mein Gesicht – der in diesem Zusammenhang in der psychoanalytischen Literatur gebräuchliche Begriff der Spiegelung greift m. E. zu kurz und lenkt in eine falsche Richtung: Er hebt allein das liebende Erkennen hervor, unterschlägt aber, dass alles Antworten der primären Bezugspersonen nicht "objektiv" oder selbstlos ist, denn alles Antworten bleibt Interesse geleitet und ist deshalb tendenziös. Dies darf nicht als rein passives Geschehen, im Sinne von: man wird durch die bedeutsamen Anderen geprägt, interpretiert werden. Das Kind bringt schon Wünsche, Bedürfnisse und Eigenheiten auf die Welt mit, die das Wahrnehmen der Mutter zu leiten vermögen, es ist ein aktiver Partner. Die in der Interaktion nach und nach deutlichere
Konturen gewinnende Selbsterfahrung wird Selbstkenntnis und formt sich später aus als Selbstbild, das spielerische Zusammensein wandelt sich im Verlaufe der Entwicklung zu Interaktionsformen und ermöglicht schliesslich Rollenübernahmen. Wenn auch später in der Entwicklung das artikuliertere Selbst-verhältnis eine Selbstgestaltung zulässt: die Normen, Leitbilder, die inneren (Selbst- und Objekt-) Repräsentanzen, die Wünsche, nach denen man sich zu formen versucht, verdanken sich wesentlich der Begegnung und Auseinander-setzung mit anderen. Ebenso hängen unser Selbstwertgefühl und in gewissem Ausmass auch unser Selbstgefühl mehr von der Resonanz, die wir von anderen erhalten, bzw. erhalten haben, ab, als wir uns das gemeinhin zugestehen wollen. Das ständige mehr oder weniger artikulierte Wahrnehmen, dass die anderen mit meiner Arbeit zufrieden sind, dass ich für andere attraktiv und interessant bin, dass ich mich nicht schuldig gemacht habe u.a.m., hilft mir, nicht darüber verunsichert zu werden, wer ich bin. Dieser zumeist stille und selbstverständliche Strom von Anerkennung, der mich im alltäglichen Leben umgibt, bestätigt mich, macht mich mit mir selber vertraut. Mein immer von Wertgefühlen umspielter Blick auf mich ist deswegen immer schon ein exzentrischer Blick, ein Blick aus der Perspektive des Anderen. Deshalb lässt sich sagen: Die fundamentale Angewiesenheit auf den Anderen, auf dessen Bestätigung und Anerkennung, und nicht unsere angebliche Unabhängigkeit (im Sinne eines primären Narzissmus etwa) ist der Boden, dem der Narzissmus entwächst. Narzissmus bleibt immer ein sekundärer, der primäre Mythos.
Das Angewiesensein auf den Anderen entfaltet sich in verschiedene
Hinsichten. Das Haltende, Behütende und Tragende ist mit Recht als wesentliche atmosphärische Qualität gegenüber der mütterlichen Aufgabe der reinen Bedürfnisbefriedigung hervorgehoben worden. (Balint vergleicht das Einhüllend- Selbstverständliche des Mütterlich-Tragenden mit dem Sauerstoff in der Luft.) Erstaunlich dabei ist aber, dass in der Psychoanalyse in diesem Zusammenhang von Zärtlichkeit nur selten die Rede ist. Dabei verwirklicht sich doch in der Zärtlichkeit die ursprünglichste und mächtigste Form der Anerkennung.
"In allen Gestalten des Bestätigtwerdens – vom flüchtigen Kontakterlebnis bis um sublimen Wissen um die Teilhabe am unsterblichen Ruhm, aber am unmittelbarsten und mächtigsten in der leiblichen Berührung – erfährt der Mensch ineins die Sprengung und Überbrückung seines Alleinseins; und darin erfüllt sich vielleicht
das tiefste Sinnmoment des gestillten Zärtlichkeitsverlangens. Daher bleibt die liebkosende Berührung die letzte und einzige Möglichkeit, die angstvolle Qual der Einsamkeit einschliesslich des im leiblichen Schmerz als ohnmächtige Verengung auf das gegenwärtige nackte Dasein erlittenen Kommunikationsverlustes – wenn überhaupt – zu nehmen oder doch zu mildern."4 Die Zärtlichkei bestätigt, lässt sich mit Kunz sagen, die Existenz in ihrem zufälligen und hinfälligen
So- und Dasein in unmittelbarster Form. Es widerstrebt dem Sprach-gefühl, die Zärtlichkeit der Anerkennung unterzuordnen, da im Wort "Anerkennung" bereits ein stellungsnehmender Akt anklingt. Ein solcher Akt scheint der Zärtlichkeit weitgehend zu fehlen. Sie vollzieht die spontane Antwort des Herzens auf die Zartheit, Einzigartigkeit und Hinfälligkeit des Begegnenden. Ihr kommt ein bewahrender, behütender, umsorgender Zug zu, der das Begegnende in seiner Einmaligkeit annimmt, bejaht und es in die Nähe bringen will. Die Bestätigung durch die Zärtlichkeit ist ursprünglicher als die Anerkennung, sie trägt diese und gibt ihr ihr menschliches und, in gewissem Sinne, ihr moralisches Gewicht. Diese Andeutungen machen vielleicht verständlich, weshalb – wenn der Narzissmus von der Anerkennung oder dem Geliebtwerden her zu denken ist – sich nicht vernünftig vom Narzissmus reden lässt, ohne ineins die Zärtlichkeit in ihrer stillen Macht bedacht zu haben.
Anerkennung, Bestätigung, Geltung werden nicht allein durch den Anderen vermittelt (oder verweigert), man anerkennt sich auch selber, sucht sich selber zu bestätigen, will sich selber Geltung verschaffen, das Bedürfnis nach Anerkennung, Bestätigung oder Geltung kann sich gleichsam verinnerlichen und vom Andern in gewisser Weise ablösen. In der Bewegung, weg vom Gegenüber hin zur eigenen Person, artikuliert sich der Narzissmus. Dieses Hin-zur-eigenen- Person entfaltet sich in den verschiedenen Formen des Selbstverhältnisses als
Weisen des Umgangs mit sich selbst, als Ausformungen des innern Dialogs. In der narzisstischen Bewegung macht man sich selbst von einer exzentrischen Position aus zum Objekt der Beurteilung, des Blickens und Wünschens. Dieser Blick von aussen ist immer durch den Andern vermittelt. Insofern ist der Andere, häufig in Form des verinnerlichten Anderen, konstitutiv für den Narzissmus. Narzissmus ist der durch den Anderen vermittelte Umgang mit sich selbst oder die am Anderen gebrochene Bezogenheit auf sich selbst.
In der Beziehung, die ich zu mir selber im Laufe meines Lebens entwickle, kondensiert und gestaltet sich mein Narzissmus. Zärtlichkeit verleiht ihr Ruhe, ein geheimes Gleichmass, bändigt die exzentrische Versuchung und Lust. Sie hängt, da ist Altmeyer Recht zu geben, von den Interaktionen mit den frühen Bezugspersonen ab. Die inter-subjektiv geprägte fürsorgliche Selbstbeziehung als Bestimmung des Narzissmus (Altmeyer) schliesst zu eng an die behütenden,
bewahrenden, von der zärtlichen Sorge getragenen, frühen Mutter-Kind-Beziehung an. Sie verkennt die eminente Bedeutung, die der Selbstbehauptung (Macht, Triumph, dem Gefühl von Stärke und Überlegenheit, dem Innesein eigenen Könnens u.a.m.) innerhalb des Narzissmus zukommt; das muss aber hier auf
sich beruhen bleiben.
Die ontologische Dimension der Anerkennung
In jeder Anerkennung und Bestätigung schwingt nun aber noch anderes mit als ein Annehmen oder ein Verständnis für eine bestimmte Haltung, eine erbrachte Leistung, einen Gedanken oder einen Wunsch. In der Anerkennung erkenne ich den Anderen auch als Mitmenschen, ich anerkenne ihn als meinesgleichen, als Menschen. Jemand, der den Anderen anerkennt, nimmt zugleich – zumeist
inexplizit – Stellung zur menschlichen Begrenztheit, Endlichkeit, Bedürftigkeit, Abhängigkeit usw. Nicht bloss Singuläres ist in der Anerkennung verhandelt, sie ist zugleich auch Ausdruck des Menschentums, Ausdruck dessen, was als menschlich erkannt und anerkannt wird. Mit Holzhey liesse sich sagen: Anerkennung hat einen "ontologischen Einschluss".
Dies trifft auch auf den Wunsch nach Anerkennung zu. Der Mensch will eben nicht nur seine Bedürfnisse befriedigen, er will auch vom Mitmenschen als Mensch erkannt und anerkannt sein, er will als Mensch gewürdigt und geachtet werden. Schon das Kind fragt, wie Dornes meint (vgl. das Motto der Arbeit): "Ist es legitim, dass ich als der und der existiere und meine Bedürfnisse auf diese oder jene Art zum Ausdruck bringe?" In ihrer Art des Gebens zeigt die Mutter, wie sie zur Bedürftigkeit des Kindes überhaupt steht. Sie nimmt darin Stellung zum Menschlichen, dazu, dass der Mensch überhaupt bedürftig ist und ohne den Anderen nicht sein kann; sie vermittelt dem Kind auf diese Weise, wie sie zu diesem anthropologischen Faktum steht.
Ebenso hat das Sich-selber-Annehmen – das Wort Selbstanerkennung existiert nicht – eine ontologische Dimension. Das soll mit Holzhey am Beispiel des Wünschens illustriert werden. "Fasst man das Wünschen als Antwort auf die Erfahrung, dass mir etwas mangelt, dann ist auch schon der Säugling ein wünschendes Wesen. Im Zustand der Bedürftigkeit ‚erfährt' er sich in eine gleichgültige Welt hinausgesetzt, in der er auch bei fürsorglicher Betreuung immer wieder, mindestens für kurze Zeit, sich selbst und seinem Mangel überlassen ist. … Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass das Kind immer wieder in der ‚Überzeugung genährt wird, dass sich das Wünschen lohnt, und diese Überzeugung auch in belastenden Situationen durchhalten kann. … Trägt das Kind diese Überzeugung durch, beinhaltet dies sein Ja zum Leben unter den Bedingungen unaufhebbarer Bedürftigkeit und Abhängigkeit und zugleich sein Ja zu sich selber als legitimem
Mitbewohner dieser Welt, der ein Recht hat, sich für die Befriedigung seiner Bedürfnisse einzusetzen."5 Wenn ich die Frage, ob ich das Leben unter der Bedingungen unaufhebbarer Bedürftigkeit und Abhängigkeit führen soll oder darf, mit einem Ja beantworten kann, so zeitigt das einen anderen Umgang mit der eigenen (wie fremden) Begrenztheit und Endlichkeit, als wenn ich diese Frage offen lasse oder wenn ich sie sogar in abschlägiger Weise beantworte. Die Beziehung zu mir selber ist eben nicht bloss getragen von den vielfältigen wertenden
Stellungnahmen zu meinen verschiedenen Eigenschaften, Leistungen,
Gedanken usw., sie wird gleichsam grundlegend gefärbt durch die Stellungnahme zu mir als Menschen. Es gibt Personen, die jeden persönlichen Anspruch, der "bloss" einem Wunsch entsprungen ist, als etwas Massloses oder Arrogantes zu empfinden scheinen, weshalb sie bemüht sind, sich Rollen oder Aufgaben ganz hinzugeben. Es ist, als würden die Menschen zu sich selber sagen: der Mensch hat nicht das Recht, für seine Bedürfnisse etwas zu erwarten oder gar einzufordern. Anderen Menschen wiederum scheint das Leben nur lebbar zu sein, wenn sie sich ganz an jemanden anderen anschliessen können. Es ist, als würden diese Menschen zu sich selber sagen: ein Leben für sich alleine ist wertlos, ist nicht menschenwürdig. Das Alleinsein wird zu einem grundlegenden Makel, das Sich-für-sich-selber-Entscheiden zu unmenschlichem Egoismus. Dann gibt es wiederum Menschen, die sich so gebärden, als ob es eine unzumutbare Kränkung ist, wenn ein Bedürfnis von ihnen nicht befriedigt wird. Diese Menschen scheinen zu sich selber zu sagen: der Mensch hat ein Recht darauf, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden, und allein die Selbstbezüglichkeit der
Anderen ist Grund dafür, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt wird. Diese zweifellos etwas holzschnitzartig gezeichneten Beispiele liessen sich leicht vermehren. Sie zeigen, dass jeder Mensch eine Vorstellung darüber ausgebildet hat, was der Mensch sein soll oder sein darf, zu was er ein Anrecht hat und zu was nicht, darüber schliesslich, was das menschliche Leben eigentlich ist. Der Mensch kann sich immer nur unter der Prämisse dieser inneren Vorstellung, man könnte von einer
persönlichen latenten Anthropologie sprechen, anerkennen. In ihr hat sich die grundlegende Beziehung zu sich selber ausgebildet, diese öffnet den Spiel- und Gestaltungsraum des Narzissmus.
Da der Mensch ein abgründiges Wesen ist, er sich selber nicht ganz fassen und einholen kann, bleibt auch diese grundlegende Beziehung zu sich brüchig und nur bedingt tragfähig. Dort, wo der Mensch die Offenheit und Unabgeschlossenheit seiner selbst anerkennen kann, dort behält die narzisstische Bewegung Lebendigkeit, dort aber, wo der Mensch sich selbst feststellen will, er die partielle Entzogenheit seiner selbst überwinden will, dort verliert der Narzissmus seine Beweglichkeit und Findigkeit, dort droht er zu verhärten und zu einem Kampf
gegen die Menschlichkeit zu werden.
1 M. Dornes: Die frühe Kindheit. Frankfurt a. Main 1997, S. 140.
2 S. Freud: Zur Einführung des Narzissmus. Studienausgabe Bd. III, S. 65.
3 M. Altmeyer: Narzissmus und Objekt. Göttingen 2000, S. 199.
4 H. Kunz: Aggressivität, Zärtlichkeit und Sexualität. Frauenfeld 2004, S. 73.
5 A. Holzhey: Das Subjekt in der Kur. Wien 2002, 235f.
