Brief an Peter Schneider
Dezember 2009
Sehr geehrter Herr Schneider
Ihr Beitrag im Rahmen des letzten GAD-Forums hat mich sehr angesprochen und ich fand es schade, dass sich die anschliessende Diskussion dann auf Nebenschauplätzen verhakt hat. Das war – vorausgesetzt, dass ich Sie richtig verstanden habe – ein erhellender Abend für mich.
Gefallen hat mir besonders, wie Sie durch die Gegenüberstellung von zwei Ursprungsmythen den blinden Fleck des Freudschen sichtbar gemacht und so dessen innere Begrenztheit aufgezeigt haben. Da klang fast schon etwas wie eine Kritik der psychoanalytischen Vernunft an – und die scheint mir in der Tat notzutun, nachdem sich der „Kult der Alterität“ im Bestehenden einigermassen gemütlich eingerichtet hat. Vielleicht hat die moderne Kritik an der Vernunft und dem selbstbestimmten Subjekt ja wirklich übers Ziel hinausgeschossen: Ein Subjekt, das a priori ein Anderes – und damit ein Getriebenes – ist, sieht sich jedenfalls kaum noch zu planvollem Handeln imstande und verliert damit auch den politischen Gestaltungsspielraum. Die Verflüssigung aller Positionen, die in den postmodernen Diskursen
so etwas wie den kategorischen Imperativ darstellt, wirft alle aufs Glatteis.
Es ist deprimierend anzusehen, wie sich heute der Jargon der Flexibilität mit Freiheitsversprechen schmückt, die aus den Nähkästchen der modernen Subjektkritik stammen. Und die potentiell kritische Intelligenz ist unfähig, sich deutlich von solchem Missbrauch zu distanzieren, weil sie selbst auf die Verlockungen einer un-begrenzten Andersheit fixiert ist und immer noch in der Verfestigung das Böse wittert. So laufen zuletzt alle in der neoliberalen Hamster -
trommel um die Wette.
In Hobbes’ Version vom Eintritt in die Geschichte haben Sie nun jenes begrenzende, willentliche Moment aufgewiesen, das der „therapeutische Diskurs“ aus sich ausgetrieben hat und ohne das Widerstand gegen die Macht noch nicht einmal denkbar ist. Über dieses Vorgehen – die Begrenzung eines Diskurses quasi von aussen her – liesse sich natürlich diskutieren. Ich selbst würde eher einem hegelianischen Zugang den Vorzug geben und versuchen, den „Kult der Alterität“ seiner versteckten inneren Geschlossenheit zu überführen: der Selbigkeit, die sein verdrängtes Wesen ausmacht.
Aber letztlich sind Fragen der Methode nicht so wichtig; entscheidend scheint mir die Suche nach den unsichtbaren Grenzziehungen der gegenwärtig herrschenden Diskurse. Mit Ihrem Vergleich zweier Mythologeme haben Sie in der Tat einen solchen Zaun aufscheinen lassen und damit den Horizont geweitet.
Herzlichen Dank.
Franz Derendinger
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Lieber Herr Derendinger
Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar zu meinem kleinen Vortrag vom letzten Donnerstag. Ich habe mich darüber gefreut, dass Sie meine Gedanken aufgreifen und weiterspinnen. Mir war es ja gar nicht um die Alternative Hobbes/Freud gegangen, sondern – wie Sie richtig bemerkt und verstanden haben – darum, der Psychoanalyse etwas zurückzuerstatten, was sie offenbar ausschliessen musste, um dann zu sehen, was man mit einer solchen angereicherten Theorie anstellen kann. Dass es ausgerechnet der "Totalitarist" Hobbes ist, welcher dazu den Anstoss geben kann, schien mir eine hübsche
Pointe, die man nicht vergeben sollte – auch wenn daraus ja noch lange nicht eine klare "neue" psychoanalytische Anthropologie folgt.
Herzlich grüsst Ihr
Peter Schneider
