Bulletin 2010.1 Sommersemester

Das Unbewusste philosophischer Texte

René Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie (1641)

Einführung

Helmut Holzhey

René Descartes (1596-1650) gilt als Begründer der neuzeitlichen Philosophie. „Mit ihm“, so begann Georg Wilhelm Friedrich Hegel knapp 200 Jahre später seine Vorlesung über diese Periode, „treten wir in eine selbständige Philosophie ein, welche weiß, dass sie selbständig aus der Vernunft kommt und dass das Selbstbewusstsein wesentliches Moment des Wahren ist“. Nun gilt „das Prinzip der Innerlichkeit“, mit dem jedwede Berufung auf Autoritäten abgewiesen wird.
Descartes macht insofern einen radikalen Neuanfang, als er alles Wissen in der unhinterfragbaren Selbstgewissheit „Ich existiere“ begründet. Schon der vierte Abschnitt seiner methodologischen Schrift Discours de la méthode (1637) entwickelt diese These über das Fundament allen menschlichen Wissens in Gestalt der – allerdings missverständlichen – Formulierung: „je pense, donc je suis“.
Es handelt sich um eine metaphysische, nicht um eine psychologische These. Ausführlich legt sie Descartes in seinen 1641 erschienenen Meditationen über die Erste Philosophie (Meditationes de prima philosophia), d.h. über die Metaphysik, dar. Von zentraler inhaltlicher Bedeutung ist die Charakterisierung seiner Darlegungen als Meditationen. Nicht Untersuchungen liefert er, das Werk ist keine
Abhandlung, es besteht vielmehr aus Meditationen. Der Titel verweist auf eine Denkbewegung, die im Text vorgeführt wird – die Denkbewegung eines Ich, das in der geistigen „Innerlichkeit“ nach einem unumstößlichen Fundament aller Erkenntnisgewissheit sucht und es in der Einsicht findet: „denkend bin ich“. Jede Meditation ist eine Einkehr bei sich selbst. Die im Titel in Anspruch genommene
literarische Form der Meditationen ist aufs engste mit dem Inhalt des Buches verschränkt.
Die Einkehr bei sich selbst zielt, wie schon angedeutet, auf die Begründung von (wissenschaftlicher) Erkenntnis. Zu dieser gehört ein Vorgang oder Prozess, das Erkennen, und ein Resultat, die Erkenntnis (im eigentlichen Sinne) oder das Wissen. Erkenntnis (Wissen) ist immer Erkenntnis (Wissen) von etwas; sie besteht in der Relation von Subjekt und Objekt, wie wir sagen. In dieser Relation steckt auch das ganze Problem der Erkenntnis: Wie ist nämlich zu sichern, dass die in einer Aussage formulierte Erkenntnisbeziehung (z.B.: ich erkenne, dass sich in diesem Raum 35 Personen aufhalten) zutrifft, dass sie wahr ist? Eine Antwort könnte heißen: Indem ich mich einer allgemein akzeptierten Methode, des Zählens, bediene und ich richtig zähle. Ist damit die Wahrheit dieser Aussage aber wirklich schon gesichert? Für alltägliche Zwecke ja, philosophisch – wenn wir uns etwa von einem Skeptiker herausgefordert sehen – nicht. Mögliche Einwände lauten: Ich kann mich bei meiner Wahrnehmung täuschen (was mir ja gelegentlich passiert); ich kann mir plötzlich wie in einem Traum vorkommen und daran zweifeln, ob ich es mit wirklichen Personen oder nicht nur geträumten zu tun habe; ich kann mich fragen, was ein Begriff wie Person eigentlich bedeutet; ich kann die Axiome, auf denen das Zählen fußt, als willkürlich gesetzte Annahmen in Zweifel ziehen; ich kann mich schließlich von einem allmächtigen, aber nicht gütigen Gott prinzipiell getäuscht glauben (wie das für Menschen des 17. Jahrhunderts durchaus vorstellbar ist).
Genau diesen Zweifeln setzt sich Descartes bewusst und ausdrücklich aus. Es sind eindeutig künstliche, vom normalen Leben aus gesehen übertriebene Zweifels argumente, mit dem die bisher und im all-täglichen Leben gültigen, aber natürlich fragilen Grundlagen des Wissens untergraben werden sollen, um dafür eine unumstößlich gewisse Basis zu finden. Zu Beginn der zweiten Meditation resümiert Descartes seine Zweifel und stellt sich die Frage, ob schlussendlich nur das gewiss ist, dass nichts gewiss ist. Das wäre aber ein Paradox und keineswegs als Wissensfundament tauglich. Außerdem hat der Zweifel noch nicht das Ich in Frage gestellt, das zweifelt und sich nun in dieser totalen Ungewissheit findet.
Das Ich? Bin ich nicht selbst ein existierendes Etwas? fragt Descartes. Da gilt es zu unterscheiden. Ich als körperliches Wesen habe dem Zweifel nicht standgehalten; Ich als geistiges Wesen, das zweifelt und sich dabei als täuschbar gezeigt hat, bin dabei aber dem Zweifel nicht unterlegen. Es gibt ja keinen Zweifel ohne mich, denn ich bin immer dabei, wenn ich an dem oder jenem zweifle. An den Kragen ging es nur den Wissensobjekten, nicht mir, dem Subjekt. Drücke ich das in einem Satz aus, so habe ich das gesuchte unerschütterliche letzte Fundament aller Erkenntnis: „Ich bin, ich existiere“. Der Satz ist notwendig wahr, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse.

Wer bin ich aber, der ich bin? Mit dieser Frage richte ich mich auf mich selbst, der ich meiner Existenz, aber auch nur meiner Existenz, zweifelsfrei sicher bin; mit dieser Frage ziele ich auf mich als Objekt meiner Selbsterkenntnis. Was kann ich mir nach dem Durchgang durch den Zweifel an diesem Ausgangspunkt meiner ‚Wiedergeburt‘ zuschreiben? Nichts Körperliches, nur das Denken. Ich bin also
bloß Geist (mens), ein „denkendes Ding“ (res cogitans). Und was heißt das? Ich bin ein Ding, das zweifelt, sich einstellt, bejaht, will, wahrnimmt usw., bestehe also nur aus solchen „Akten“ oder Vollzügen des Denkens bzw. Bewusstseins. Doch unter der Hand passiert bei dieser Analyse Descartes’ entscheidender Sündenfall: Er fasst das Subjekt-Ich als ein dingliches Objekt oder als Substanz auf und stellt es so mit dem Körper oder dem „ausgedehnten Ding“ (res extensa) auf die gleiche ontologische Stufe.
Die reflexiv-zweifelnde Einkehr bei sich selbst hat zum Resultat die zweifelsfreie Gewissheit, dass ich existiere. Doch schon der nächste Schritt beim Wiederaufbau des Wissens führt vor schwierigste Probleme. Ob ich, der ich nur meiner Existenz gewiss bin, mich auch umstandslos objektivieren und damit als denkendes Etwas (Ding) begreifen darf – diese Frage stellt Descartes gar nicht, sondern übergeht sie stillschweigend. Doch sieht er sich vor das Problem gestellt, dass dieses denkende Etwas Ich ohne Gewissheit hinsichtlich seiner äußeren Objekte ist, auf die es sich denkend, erkennend, träumend, wahrnehmend bezieht. Es weiß nichts Sicheres über deren Dass (Existenz) und Wie (Eigen - schaften), d.h. es ist ohne Wahrheit hinsichtlich der Objekte seiner Welt. Der Philosoph muss erst noch zeigen, wie auf der neuen Basis für die wissenschaftliche Erkenntnis von Objekten zweifelsfreie Gewissheit oder Wahrheit gesichert
werden kann. Dem dient in einem ersten Schritt die Auseinander- setzung mit der Vorstellung eines betrügerischen Gottes, der ja ebenso wie die anderen Zweifelsargumente nach wie vor bezüglich der Erkenntnis der Objekte im Spiel ist, weil er als der tiefreichendste Zweifelsgrund eingeführt worden war. Prinzipiell rechnet Descartes mit Gott, aber bewiesen ist es noch nicht, dass es Gott gibt. Dieser Beweis scheint eigentlich auch nicht notwendig, um das gesteckte Ziel zu
erreichen. Und doch muss er geleistet werden, um diesen Stachel zu ziehen, dass uns ein allmächtiger Gott so täuschen könnte, dass uns die Wahrheit versagt bleibt. Der Beweis der Existenz Gottes zielt darauf, dieses Hindernis menschlicher Erkenntnisgewissheit aus dem Weg zu räumen. Das Argument, das Descartes in Form einer Kontemplation auf die Idee Gottes im Grunde des menschlichen
Geistes entwickelt, ist das folgende: Ich finde in mir die Idee eines ewigen, unendlichen, allwissenden und allmächtigen Schöpfergottes vor. Kann ich als endliches Wesen die Ursache dieser Idee sein, d.h. sie erzeugt haben? Das muss verneint werden, weil der Bedeutungsgehalt meiner Idee Gottes so groß ist, dass er nicht von mir in meiner endlichen Realität (Seinsmacht) hervorgebracht worden, sondern nur Wirkung einer Ursache außer mir sein kann, die eine diesem Bedeutungsgehalt äquivalente Realität (Seinsmacht) besitzt. Nur Gott selbst kann also das Auftreten der Idee von ihm in mir bewirkt haben. Die Meditation über die Idee Gottes führt mich zur Einsicht, dass Gott kein bloßes Phantasma ist, sondern wirklich existiert. Darüber hinaus erkenne ich, dass Gott kein Betrüger sein kann, weil das Bosheit oder Schwäche bezeugte, die nicht mit der Idee Gottes verbindbar sind. Und insofern sich der Schöpfergott als wirklich existierend erwiesen
hat, ist er auch Garant dafür, dass meine Ideen von äußeren Objekten
Wirkliches repräsentieren: Es würde seine Allmacht schmälern, wenn er zwei Welten geschaffen hätte, die Welt der Ideen im menschlichen Verstand und die Welt der realen Dinge. Soweit in aller Kürze meine ‚schulphilosophische‘ Lektüre der ersten drei
Meditationen Descartes’.
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