Editorial

Alice Holzhey

Freud hat bekanntlich nicht viel von der Philosophie gehalten, hat verächtlich von ihrer „Überschätzung des Wortzaubers“ gesprochen. Nun stellen wir die kommenden Forums-Veranstaltungen erneut unter das Leitthema Das Unbewusste philosophischer Texte. Haben wir damit nicht eine Entwertung der Philosophie nach Freudscher Manier im Sinn? Diesen Eindruck hat wohl keiner bekommen, der an den drei bisherigen philosophisch-psychoanalytischen Gesprächen zu diesem Leitthema anwesend war. Es waren Begegnungen von Psychoanalyse und Philosophie und keine Kämpfe mit Siegern und Besiegten – Begegnungen auf dem Feld der Philosophie in Form einer doppelten
Interpretation klassischer philosophischer Texte, deren Lektüre an sich schon jedes Mal ein Genuss war. Der Psychoanalytiker Peter Schneider drehte den Spiess sogar um und argumentierte wider Erwarten nicht mit Freud gegen Hobbes, sondern mit Hobbes gegen Freud. Lesen Sie dazu mehr auf Seite 15.
Begegnungen von Philosophie und Psychoanalyse zu ermöglichen, ist und bleibt ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft. Das gibt schon ihr Name Hermeneutische Anthropologie und Daseinsanalyse kund. Für die Daseinsanalyse war die philosophische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse ihr eigentlicher Entstehungsgrund – anders als für alle übrigen dissidenten Richtungen der Psychoanalyse, die sich mit rein psychologischen Argumenten von Freud und seiner Schule absetzten. Philosophisch-psychoanalytische Gespräche über philosophische Texte sind ein seltenes Unternehmen und gerade darum von besonderem Reiz. Man darf auf den kommenden 15. April (ausnahmsweise einmal an einem Donnerstag in der Mitte des Monats!) gespannt sein, an welchem Helmut Holzhey und Michael
Pfister dieses Experiment nochmals an einem zentralen Textstück der modernen Philosophie durchexerzieren, nämlich am Schlusskapitel von Hegels Phänomenologie des Geistes. Auch diesen Text können Sie elektronisch bestellen.

Dennoch: es bleibt ein Unbehagen, solange die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, von einem Unbewussten philosophischer Texte zu reden, nicht eigens gestellt wird. Dieses Unbehagen entzündet sich meist an der gängigen Vorstellung, dass wohl der Autor, nicht aber der Text ein Unbewusstes hat. Der Forumsabend vom 3. Juni soll darüber mehr Klarheit schaffen. Unter der Leitung des Philosophen René Scheu werden Referenten der bisherigen Gesprächs-Abende dazu Stellung nehmen und untereinander und mit den Zuhörern diskutieren.

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