Vergesst den Körper nicht!
Zu Thomas Fuchs‘ phänomenologisch-ökologischer Konzeption des
Gehirns1


Gekürzte und überarbeitete Fassung des Forumsvortrags vom 6. November 2008

Alice Holzhey-Kunz

Ob seelisches Erleben einen eigenständigen Bereich menschlicher Wirklichkeit bildet oder nur ein Trugbild ist, das uns vom Gehirn vorgegaukelt wird, darüber ist seit einiger Zeit eine Debatte im Gange, die Züge eines Glaubenskriegs trägt. Glaubt man namhaften Vertretern der Neurobiologie, dann ist die Hirnforschung auf dem besten Wege, seelische und geistige Phänomene „wirklich“ verstehbar
zu machen, weil sie jene Hirnprozesse aufdeckt, in denen angeblich die seelische Innenwelt erschaffen wird.

Das neue Buch des Heidelberger Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs über „Das Gehirn als Beziehungsorgan“ greift in diese Debatte ein und zeigt zugleich auf, dass diese Debatte im Ganzen auf einem Kurzschluss beruht: dem Kurzschluss einer unvermittelten Gegenüberstellung von Gehirn und Seele bzw. Gehirn und Bewusstsein, als ob es sich dabei um für sich bestehende Entitäten
handelte. Vergessen wird dabei der Körper als Ganzes, ohne den es weder Gehirn noch Bewusstsein ‚gibt‘. Im Aufweis dieses Mankos der heutigen Gehirn-Geist- Debatte sehe ich die herausragende Bedeutung dieses Buches. Es verbindet eine luzide Kritik am neurobiologischen Reduktionismus mit der Bereitstellung jener Basis, auf der die Diskussion um die theoretische und praktische Bedeutung der
heutigen Resultate der Hirnforschung erst sinnvoll zu führen wäre: einem angemessenen Körperverständnis.

Ein Buch der Aufklärung
Das Buch von Thomas Fuchs ist im besten Sinne ein Buch der Aufklärung. Deshalb kann keine Zusammenfassung die eigene Lektüre ersparen. Aufklärung liefert das Buch in zweifachem Sinne:

- es klärt über Denkfehler auf, welche das grossangelegte neurobiologische Naturalisierungsprojekt bestimmen. Dadurch liefert es überaus wertvolle Orientierungs- und auch Argumentationshilfen, die aus dem bloss emotionalen Unbehagen befreien und eine fundierte Stellungnahme ermöglichen;
- es klärt über Denkfehler auf, welche die Gegner mit den Befürwortern des neurobiologischen Naturalisierungs- projektes teilen und denen man also selber aufsitzt, wenn man glaubt, es gehe darum, in der heutigen Gehirn-Geist-Debatte einfach für die Irreduzibilität des Geistes oder Bewusstseins Partei zu nehmen. Das Buch bietet deshalb eine Schulung im eigenen Denken an, wie man sie sonst nur selten findet.
Nun hätte diese kritische Aufklärung vermutlich auch für sich Bestand, unabhängig davon, welche eigene Position Fuchs im Anschluss daran entwickelt. Für mich ist dennoch entscheidend, dass die von ihm vertretene „phänomenologisch-ökologische“ Position selber auf dem Boden rationaler Aufklärung bleibt und vom Leser nirgends einen Sprung in einen Glauben an Kräfte verlangt, welche die universale Geltung physikalischer Grundprinzipien in Frage stellen würden.

Argumentationshilfen gegenüber dem neurobiologischen
Naturalismus


Das naturalistische Menschenbild, welches darin besteht, den Menschen als Ganzen mit seiner biologischen Natur zu identifizieren, ist bekanntlich kein Kind der Neurobiologie, sondern hat eine alte Tradition. Neu ist also nicht der Natural ismus, sondern nur die Gleichsetzung von Natur und Gehirn und die damit verbundene Überzeugung, die Naturalisierung des Menschen erstmals wissenschaftlich statt nur spekulativ begründen zu können. Die
Neurobiologie glaubt aufgrund ihrer Forschungsresultate beweisen zu können, dass all das, was bisher dem Ich oder dem Bewusstsein zugeschrieben wurde, in Wahrheit dem Gehirn zuzuschreiben sei, weshalb man mit Fug und Recht sagen könne, dass nicht ich, sondern mein Gehirn wahrnehme, fühle und denke, und dass darum auch nicht ich, sondern mein Gehirn wähle und entscheide. Dasselbe gelte auch für die äussere Welt, auf die wir uns vermeintlich wahrnehmend und fühlend und denkend beziehen, auch sie sei ein blosses Konstrukt des Gehirns und also nur ‚in‘ unseren Köpfen.

Fuchs zeigt, dass sich solche Schlüsse nur dann aus neurobiologischen Forschungen ziehen lassen, wenn man notwendige Unterscheidungen vernachlässigt und zudem schwerwiegende Kategorienfehler begeht.
Die Nicht-Unterscheidung von Ermöglichung und Erzeugung
Wenn die Neurobiologie behauptet, das Gehirn sei der Produzent der erlebten Welt, dann setzt sie sich mit dieser Behauptung über eine grundlegende Unter - scheidung hinweg. Sie unterscheidet nämlich nicht zwischen Ermöglichung und Erzeugung. Auch wenn die seelischen Prozesse nachweislich an bestimmte Hirnprozesse gebunden und also durch diese ermöglicht werden, so werden sie doch
nicht durch diese erzeugt. – Doch auch diese Unterscheidung genügt noch nicht. Denn auch wenn anerkannt ist, dass sich auf der Ebene der Gehirnprozesse immer nur die Bedingungen der Möglichkeit für Seelisches und Geistiges finden lassen, so fehlt in der Regel die Unterscheidung von notwendiger und hinreichender Bedingung. Bestimmte Hirnprozesse mögen nachweislich notwendig sein für
die Ermöglichung von Wahrnehmungs- oder Denkvorgängen, hinreichend sind sie nicht; die notwendigen und hinreichenden Bedingungen können immer nur im lebendigen Organismus als Ganzem liegen.
Die neurobiologische Mystifizierung des Gehirns wäre nicht möglich, würden diese beiden Unterscheidungen berücksichtigt.

Die Sprachverwirrung in der Neurobiologie

Um ihr Naturalisierungsprojekt zu realisieren, muss die Neurobiologie eine bestimmte Sprache reden, und zwar sowohl auf der Ebene des Seelischen wie auf der Ebene der Gehirnvorgänge. Nun ist es überaus verwunderlich, wie gegenläufig die je verwendete Sprache ist. Zum einen wird Seelisches mit „mentalen Zuständen“ gleichgesetzt und damit ein Ausdruck verwendet, welcher den intentionalen
und personalen Charakter des Seelischen nicht mehr anzeigt. Damit soll der Schein erzeugt werden, dass es sich auch hier um objektive Tatbestände handelt, die darum problemlos mit Gehirnzuständen bzw. mit physikalischen Prozessen korrelierbar seien. Diesem objektivierenden Sprachgebrauch im Bereich des Seelischen steht nun ein subjektivierender Sprachgebrauch im Bereich der
Gehirnvorgänge gegenüber, indem vom Gehirn als jenem Organ gesprochen wird, das wahrnimmt, denkt, fühlt, etwas will, sich entscheidet, Informationen verarbeitet usw.

Begriffe wie Überlegen, Fühlen, Wollen, oder Entscheiden haben aber auf der physiologischen Ebene nichts zu suchen. Wendet man sie dennoch aufs Gehirn an und beschreibt damit physiologische Vorgänge, dann handelt es sich um einen „begrifflichen Un-sinn“ (S. 67). Fuchs weist die verharmlosende Erklärung gewisser Neurobiologen, wonach es sich bei diesem Sprachgebrauch lediglich um Metaphern handle, zurück. Das Einschleusen des intentionalen und subjekthaften Vokabulars in die Beschreibung der Gehirnleistungen sei vielmehr nötig, um den naturalistischen Schein der Reduzierbarkeit des Seelischen auf Gehirn vorgänge aufrecht erhalten zu können. Denn, so fragt Fuchs ironisch: „Was liesse sich vom Menschen schon erklären“, wenn man sich darauf be - schränken würde, „nur monotone elektrochemische Vorgänge an den Neuronenmembranen zu beschreiben“? (S. 66)

Der mereologische Fehlschluss als Basis der heutigen Gehirn-Geist-Debatte Bennett und Hacker, auf deren 2003 erschienenes Buch Philosophical Foundations of Neuroscience sich Fuchs beruft, sprechen bezüglich der in der Neurobiologie herrschenden Begriffsverwirrung vom „mereologischen Fehl - schluss“. Mereologisch deshalb, weil einem Teil, griechisch meros, in diesem Falle dem Gehirn, unzulässigerweise Fähigkeiten zugeschrieben werden, die nur dem Menschen als Ganzem zukommen können. Fuchs weist nun nach, dass der mereologische
Fehlschluss auch das Denken jener beherrscht, welche das Seelische vor seiner totalen Reduktion auf neurobiologische Vorgänge im Gehirn retten wollen. Er ist somit für die heutige Gehirn-Geist-Debatte insgesamt charakteristisch, denn man ist ihm schon aufgesessen, wenn man davon ausgeht, „Gehirn“ und „Geist“ stünden in einem unmittelbaren Verhältnis zueinander und es gehe lediglich darum, darüber zu streiten, welche Seite die andere auf welche Weise
bestimme. Gehirn und Geist oder Gehirn und Bewusstsein oder physiologische und mentale Prozesse unmittelbar zueinander ins Verhältnis zu setzen, ist deshalb ein Kurzschluss, weil es beides als für sich bestehende Entitäten gar nicht gibt.
Weil man diesem Kurzschluss unabhängig davon aufsitzt, auf welcher Seite man sich in der heutigen Gehirn-Geist-Debatte positioniert, werden die meisten Leser spätestens hier mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Auch wer für die
Eigenständigkeit des Seelischen gegenüber seiner materiellen Basis im Gehirn eintritt, begeht den mereologischen Fehlschluss, solange er an der Vorstellung einer immateriellen Seele bzw. eines nicht verkörperten Bewusstseins festhält. Auf diesem Fehlschluss basiert insbesondere auch das psychoanalytische Konzept einer psychischen Innenwelt, die von der Aussenwelt getrennt ist, einen bewussten
und unbewussten Bereich in sich enthält, wo Objekt- und Selbstrepräsentanzen ihren Platz haben.
Es ist einleuchtend, dass man als Verteidiger eines nicht-naturalistischen Menschen bildes einen schweren Stand hat, solange man den mereologischen Fehlschluss mitmacht. Dies deshalb, weil die Neurobiologie Recht hat, wenn sie gegen ein dualistisch abgetrenntes, immaterielles Bewusstsein oder Ich argumentiert, das für sich in der Lage wäre, wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu entscheiden. Nicht Recht hat sie allerdings mit ihrem Anspruch, das Gehirn sei
dessen rechtmässiger Erbe und lasse sich an die Stelle des als Illusion entlarvten, immateriellen Seelischen setzen. Doch gegen diesen Kurzschluss lässt sich nur von einer neuen Basis her argumentieren.

Der neuerliche Kurzschluss von Gehirn und Sozialität
Fuchs befasst sich im zweiten Teil seines Buches intensiv mit den neuro - biologischen Erkenntnissen über die Plastizität des Gehirns, welche zeigen, dass sich die Strukturen des Gehirns nur in der Auseinandersetzung mit der sozialen Welt ausformen. Nun könnte man vermuten, dass die Neurobiologie, indem sie sich zur social neuroscience weiterentwickelt, selber den naturalistischen Reduktionismus verabschiedet. Doch diese Vermutung lässt sich nicht bestätigen, basiert doch diese Forschung auf der kurzschlüssigen Vorstellung einer direkten und unvermittelten Wechselwirkung von Gehirn und Sozialität, was dann in einem zweiten Schritt erlaubt, die soziale Welt und den Anderen als blosse „interne Repräsentate des neuronalen Systems“ aufzufassen (S. 191).
Überaus aufschlussreich ist, dass Fuchs denselben Kurzschluss auch bei Habermas ausmacht, der sich für seine antinaturalistische Position auf eben diese Forschungen zur Soziogenese des Gehirns stützt. Auch er stellt nämlich unvermittelt Gehirn und „objektiven Geist“ einander gegenüber, ohne dem erlebenden Subjekt dabei eine Rolle zuzudenken. Damit gibt auch er vor, es gehe lediglich um die Frage, welche Seite auf die andere determinierend zu wirken vermöge
(S. 83). Damit bleibt für das sich frei wähnende Individuum nur die Altern

Der methodologische Kurzschluss von 1.-Person- und 3.-Person-Perspektive
Dem ontologischen Kurzschluss von Gehirn und Geist entspricht ein methodologischer Kurzschluss, bestehend in der unmittelbaren Gegenüberstellung von 1.-Person-Perspektive und 3.-Person-Perspektive, das heisst von subjektivem innerem Erleben einerseits und objektivierender äusserer Beobachtung andererseits. Auf seiner Basis scheint es nur um die Frage zu gehen, ob sich Erlebnis -
aussagen der subjektiven Innenperspektive (Beispiel: „Ich habe jetzt Schmerzen“) ohne Verlust in Aussagen der beobachtenden Aussenperspektive („Thomas Fuchs hat jetzt Schmerzen“) umformulieren lassen oder nicht.

Hier liegt sogar ein doppelter Kurzschluss vor. Zum einen fällt mit dieser Gegenüberstellung die 2.-Person-Perspektive unter den Tisch – die Perspektive des Du bzw. des Teilnehmers (vgl. S. 108). Zum andern wird suggeriert, dass die 1.- und die 3.-Person-Perspektive je für sich eine Welt eröffneten, die Welt des inneren subjektiven Erlebens hier, die Welt objektiver beobachtbarer Tatsachen
dort. Das ist aber nicht der Fall, vielmehr sind beide Perspektiven immer auf die Teilnehmerperspektive bezogen und auf sie angewiesen. Für die Du-Perspektiveist charakteristisch, dass sie den Gegensatz von Innen und Aussen unterläuft, da sie ihren ‚Gegenstand‘, den Anderen, nicht objektiviert, sondern als Person und damit als Interaktions-partner wahrnimmt.
Die subjektive Ich-Perspektive gibt es überhaupt nur im Verbund mit der Du-Perspektive, weil jede Introspektion über den teilnehmenden Andern läuft. Aus diesem Grunde ist auch die Rede von einer subjektiven Innenwelt des einzelnen Individuums irreführend, wird damit doch ihr intersubjektiver Charakter unterschlagen.

Dasselbe gilt aber auch für die 3.-Person-Perspektive der naturwissenschaftlichen Forschung. Auch sie ist notwendig mit der Teilnehmer-Perspektive ver bunden und auf sie angewiesen. Wie anders könnte sich denn der Forscher mit Kollegen über einen Forschungsgegenstand verständigen, wie anders könnte sich überhaupt eine Forschungsgemeinschaft bilden, die gemeinsame
Forschungsprojekte initiiert? Fuchs führt hier Habermas an: „Ohne Inter - subjektivität des Verstehens keine Objektivität des Wissens“ (S. 92). Doch was generell für die naturwissenschaftliche Forschung zutrifft, gilt noch ausgeprägter für die Hirnforschung. Hier ist die Forschung selber ohne den Einbezug der Teilnehmer-Perspektive gar nicht möglich, muss sich doch der Forscher mit dem Probanden als Person (!) verständigen, um überhaupt zu erfahren, welche Gehirnprozesse mit welchen subjektiven Erlebnissen korrelieren.
Der Proband muss seinerseits bereit sein, ihm aus der 1.-Person-Perspektive Auskunft darüber zu geben, was er bei welcher messbaren Hirnaktivität wahrnimmt oder fühlt (vgl. S. 64).

Würde die Neurobiologie also auf dem Anspruch beharren, rein naturwissenschaftliche Forschung zu betreiben, dann müsste sie streng genommen auf jegliche Aussagen von Probanden verzichten, weil sich solche sprachlichen Äusserungen nicht in der 3.-Person-Perspektive beobachten lassen (S. 227). Daraus folgt, dass die Neurobiologie, wenn sie den Anspruch erhebt, mit ihrer Erforschung der physikalischen Realität zur letzten, alles fundierenden Wirklichkeit vorzudringen, die Voraussetzungen ihres eigenen Forschens vergisst (S. 65, S. 88).

Aufhebung der Körpervergessenheit
Die gesamte heutige Gehirn-Geist-Debatte krankt – so das überzeugende Fazit des ersten Teils des Buches – daran, die Bedeutung des Körpers zu verkennen und auch über kein angemessenes Körperkonzept zu verfügen. Der zweite Teil
des Buches ist der Aufhebung dieses Mankos gewidmet. Fuchs legt eine „phänomenologisch- ökologische Konzeption“ des Gehirns vor, die auf einem dualen Leibverständnis basiert. Zugleich nimmt Fuchs immer wieder Bezug auf wichtige Theorien und/oder empirische Befunde der Neurobiologie. Die Fülle des hier Erarbeiteten lässt sich nicht zusammenfassen. Ich beschränke mich deshalb darauf,
den Grundgedanken herauszustellen.

Ein vermittelter Monismus
Statt gegen den neurobiologischen Monismus der physikalischen Wirklichkeit des Gehirns einen Leib-Seele-Dualismus ins Feld zu führen, vertritt Fuchs seinerseits einen Monismus – den Monismus des lebendigen Organismus als unteilbarer Einheit (S. 106). Das Problem liegt nun darin, dass unser Erkenntnisvermögen zu kurz trägt, um den lebendigen Organismus auch als Ganzen und im Ganzen erfassen zu können. Er zeigt sich uns nur entweder als „Leib“ oder als „Körper“.
Deshalb kann es sich nur um einen „vermittelten“ Monismus handeln.

Die Aspektdualität von Leib und Körper
Wenn Fuchs sagt, dass es kein Leib-Seele-Problem gebe, wohl aber ein Leib- Körper-Problem, dann will er damit zum Ausdruck bringen, dass hier ein unlösbares Erkenntnisproblem vorliegt. Um seine Unlösbarkeit zu veranschaulichen, bringt er das Bild der Münze (S.107). Die Münze hat zwei Seiten, die wir nie beide gleichzeitig vor uns bringen können. Sobald wir die eine Seite betrachten, verschwindet die andere notwendig. Dennoch sind beide Seiten „wirklich“. Es ist also falsch zu fragen, welche Seite der Münze die eigentliche wirkliche sei oder
doch wenigstens wirklicher als die andere. Ins Methodische gewendet heisst das, dass es zwei kategorial verschiedene Einstellungen gibt, die beide für sich beanspruchen können, wahre Erkenntnisse über die Leiblichkeit des Menschen beibringen zu können: Während sich in der naturalistischen Einstellung der lebendige Organismus als Körpergegenstand bzw. als Körpersystem erschliesst, so in
lebensweltlich-personaler Einstellung als „personaler Leib“. Und auch hier lässt sich nicht fragen, welche der beiden Einstellungen die ursprünglichere sei und welche bloss abgeleitet; sie stehen gleichwertig nebeneinander und keine lässt sich in die andere überführen.

Die zweifach begrenzte Sicht der Hirnforschung auf das Gehirn
Keine Frage also, dass die Hirnforschung eine Wirklichkeit des Gehirns
erschliesst, weshalb Fuchs auch nirgends die grosse theoretische wie auch lebenspraktische Bedeutung ihrer empirischen Befunde in Frage stellt. Allerdings ist die neurobiologische Sicht aufs Gehirn in zweifachem Sinne eingeschränkt.
- Erstens erfolgt sie in naturalistischer Einstellung und macht also nur die Körper- und nicht die Leibseite des Gehirns sichtbar. Diese Beschränkung ist ihr allerdings nicht anzulasten, entspringt sie doch der Endlichkeit unseres Erkenntnisvermögens.
- Zweitens reduziert sich die naturalistische Einstellung auf eine bloss physikalische Perspektive, in welcher das Gehirn als materielles und zugleich vom Körper isoliertes Gebilde erscheint, das auf der Basis eines rein linearen (statt zirkulären) Kausalitätskonzepts erforscht wird. Was fehlt, ist die systemischökologische Perspektive auf das Gehirn, welche die Körpervergessenheit aufhebt und das Gehirn als Teil des lebendigen Organismus in seiner Umwelt in den Blick bringt (vgl. S. 109, 228).


Eine zweifache statt einfache Sicht auf das Gehirn
Der Untertitel des Buches verspricht eine „phänomenologisch- ökologische Konzeption“ des Gehirns. Jetzt erst lässt sich verstehen, dass diese Wendung die unaufhebbare Aspektdualität zum Ausdruck bringt. Die Frage, was das Gehirn sei, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Antwort hängt davon ab, ob wir das Gehirn in ökologischer (biologisch-systemischer) oder in phänomenologischer
(lebensweltlich-personaler) Perspektive betrachten. Dass das Gehirn, wie der Haupttitel sagt, ein „Beziehungsorgan“ sei, muss man also doppelt hören. In systemischökologischer Perspektive steht das Gehirn in Beziehung zum lebendigem Organismus und der ihm zugehörigen biologischen Umwelt; in phänomenologischer Perspektive hingegen steht das Gehirn in Beziehung zum personalen Leib und der zugehörigen sozial-kulturellen Welt. Auch wenn sich das Gehirn beide Male als ein Beziehungsorgan erweist, so steht seine Leistung der „Vermittlung“ und der „Transformation“ doch je in kategorial verschiedenen Zusammen hängen, die einander lediglich korrespondieren (S. 152).

Widersteht der Versuchung zur Eindeutigkeit!
Ich habe diese Buchbesprechung mit dem Ausruf Vergesst den Körper nicht! betitelt. Er lässt sich abschliessend durch den Ausruf Widersteht der Versuchung zur Eindeutigkeit! ergänzen. Fuchs hat mit seinem dualen Konzept des Gehirns dieser Versuchung widerstanden. Er weist darauf hin, dass die Aspektdualität des Erken - nens in der conditio humana gründet. Die „exzentrische Positionalität“ (Plessner)
ermöglicht dem Menschen ein doppeltes Verhältnis zu sich selber, zu sich als Körper und zu sich als Leib. Das ist alles andere als harmlos, kommt damit doch eine unaufhebbare „Widersprüchlichkeit“ ins menschliche Selbstverhältnis: „Die leibliche Natur, die wir sind, und die körperliche Natur, die wir haben, lassen sich nie vollständig
miteinander versöhnen, und ihr Konflikt endet schliesslich im Tod.“ (S. 287)

Auf diesem anthropologischen Hintergrund lässt sich nun auch der neurobiologische Naturalismus als Ausdruck des tiefsitzenden und zugleich unerfüllbaren Bedürfnisses nach Eindeutigkeit verstehen: „Das Bedürfnis nach Eindeutigkeit ist freilich eine mächtige Realität, und es liegt letztlich auch den Versuchen des Reduktionismus zugrunde, Personalität ganz in objektivierbare Körperlichkeit
aufzulösen. Die Existenz in ihrer Uneindeutigkeit vollständig durchsichtig und explizit zu machen … – dies dürfte eine der wichtigsten Triebfedern der Neuro wissenschaften darstellen.“ (ebd.)

1 Thomas Fuchs: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption,
Stuttgart 2008.

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