Bulletin 2010.1 Sommersemester

Eine psychoanalytische Lektüre

Daniel Strassberg

Immanuel Kants Losung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, also nicht auf das zu bauen, was dir deine Väter bei-gebracht haben, ist mehr als ein bloßer Aufruf; sie bildet die Grundlage des modernen Subjekts. In einem einzigen Akt der Selbstlegitimation konstituiert und befreit sich das Subjekt; es befreit sich von den Vätern, von überkommenen Normen, von überlieferten Wahrheiten und wird mündig, indem es sich selbst das Recht gibt, in eigenem Namen zu denken und zu handeln.
René Descartes hatte den Anfang gemacht. Seine Meditationen beginnen mit einem Rundumschlag gegen alles Überlieferte: „Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wie viel Falsches ich in meiner Jugend habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf aufgebaut, dass ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich jemals für etwas Unerschütterliches und Bleibendes in den Wissenschaften festen Halt schaffen wollte. […] So habe ich
denn heute zur rechten Zeit meine Gedanken aller Sorgen entledigt, mir ungestörte Muße in einsamer Zurückgezogenheit verschafft und werde endlich ernsthaft und unbeschwert zu diesem allgemeinen Umsturz meiner Meinungen schreiten.“Welch kriegerisch-revolutionäre Rhetorik! Schritt für Schritt zieht Descartes alles bisherige Wissen in Zweifel, unbesehen aller bisher geltenden Autoritäten. Was bleibt übrig, wenn alle Gewissheit zerstört ist? Man weiß es: das „denkend bin ich“. Schlechterdings nicht bezweifeln kann ich, dass ich zweifle, wenn ich zweifle. „Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, dass dieser Satz. ‚Ich bin, ich existiere’ sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist.“
(II:3) Was nicht in Zweifel gezogen werden kann, ist die Existenz des eigenen Ichs, das denkt, zweifelt, fühlt, wahrnimmt.

Descartes hat im Durchgang durch den systematischen Zweifel die Gewissheit der eigenen Existenz gewonnen. Dieser Gewissheit kommt nicht nur eine epistemologische, sondern auch eine legitimatorische Funktion zu: Die Gewissheit der Existenz meines Ichs erlaubt mir, in eigenem Namen zu sprechen und zu handeln. Die Mündigkeit des Subjekts gründet in seinem Selbstbewusstsein.
Doch der Preis, den das moderne Subjekt für seine Mündigkeit bezahlt, ist hoch: Es hat sich zwar das Recht erworben, in eigenem Namen zu sprechen, hat dabei aber die Wirklichkeit verloren. Alles, was ich jenseits meiner bloßen Existenz von der Welt zu wissen glaubte, könnte Täuschung sein. Die reine Gewissheit ist um den Preis einer vollkommenen Entleerung der Welt gewonnen: Ich bin mir
meiner gewiss, sonst weiß ich nichts. Ein mündiges Subjekt ist entstanden, das den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat: „Ich bin gewiss, dass ich ein denkendes Wesen bin – weiß ich etwa schon, was dazu erforderlich ist, irgendeiner Sache gewiss zu sein?“ (III:2) Wohl nicht! Nichts gibt mir die Gewissheit, dass Dinge außer mir existieren.

Es dämmert Descartes, dass er ein psychotisches, in sich selbst eingeschlossenes Subjekt erschaffen hat, das sich als vollkommener, sich selbst erzeugender Gott wähnt, von dem sich die Welt vollständig zurückgezogen hat: „Hätte ich nun aber mein Dasein von mir, so würde ich nicht zweifeln, keine Wünsche haben, es würde mir überhaupt nichts mangeln; denn ich hätte mir alle Vollkommenheiten gegeben, von denen eine Vorstellung in mir vorhanden ist, und so wäre ich selbst Gott.“ (III:30).
Hätte ich mein Dasein nur von mir selbst, bliebe ich ein Wahnsinniger, der sich für Gott hält. Der Zweifel hat mir zwar meine autonome Existenz gesichert, mir aber zugleich die Wirklichkeit genommen. Um zur Wirklichkeit zurückzukommen, bedarf es einer zusätzlichen Instanz, die den Weg zurück zur Welt ebnet.
Descartes kann das Problem der äußeren Wirklichkeit ohne Rückgriff auf Gott nicht lösen. Sein Argument: Für die Idee der Vollkommenheit Gottes kann ich als unvollkommenes Wesen nicht die Ursache sein, und die Vorstellung, dass dieser Gott täuscht, ist mit der Idee seiner Vollkommenheit nicht vereinbar. Deshalb beweist mir diese Idee die Existenz von etwas, das mich übersteigt, und darauf aufbauend die Existenz einer Welt außer mir.
Um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, muss es also eine Instanz geben, die mich übersteigt und an die ich die Existenz der Welt binden kann, doch es kommt nicht in Frage, sich auf die nächstliegende, auf die eigenen Eltern zu berufen: „Was schließlich die Eltern angeht, so mag immerhin alles wahr sein, was ich jemals von ihnen geglaubt habe, dennoch: im Dasein erhalten sie mich wahrhaftig nicht, noch haben sie mich, soweit ich ein denkendes Wesen bin, irgendwie
erzeugt, sondern sie haben nur gewisse Anlagen in diejenige Materie gepflanzt, der, wie ich überzeugt war, mein Ich, d. h. mein Geist – denn diesen allein nehme ich jetzt für mich selbst – innewohnt.“ (III:36)
Der Vater bleibt zwar der biologische Erzeuger, für die Subjektivität spielt er aber keine Rolle. Dem Vater kann man glauben, aber Wissen kann man nur von Gott haben. Bezöge sich das Subjekt auf den Vater, würde seine Existenz von einer kontingenten Gestalt abhängen. Ersetzt aber Gott, die Natur oder die Vernunft den Vater, wird die Instanz, welche den Zugang zur Wirklichkeit garantiert, der Kontingenz der Geschichte entzogen. Das Subjekt kann nur das unerschütterliche Fundament (fundamentum inconcussum) aller Erkenntnis sein, wenn es sich auf eine nicht-kontingente Instanz bezieht. Allerdings wird die absolute Unterwerfung durch eine geheime Allmacht des Subjekts konterkariert: Wer wollte leugnen, dass die abstrakten Größen Gott, Natur, Vernunft letztlich dem Geist des Menschen entspringen? Der Mensch unterwirft sich, nachdem er sich
des Vaters entledigt hat, nur noch einer Instanz, die er selbst entworfen hat.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zeigt nach Derrida exemplarisch, wie man sich, um sich der Macht der Alten zu entledigen und die Freiheit in die eigenen Hände zu nehmen, auf eine höhere, ungeschichtliche Macht berufen muss, um die Gewalt des Vatermordes, wenn nicht zu verschleiern, so doch mindestens
zu rechtfertigen: „When in the course of human events it becomes
necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth the separate and equal Station to which the laws of Nature and of nature's God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which compel them to the Separation. We hold these truths to be self-evident:
that all men are created equal; that they are endowed by their creator with certain inalienable rights.”3 Wer das Band mit den Vätern zerreißt, muss sich, um selbst Vater zu werden – nicht zufällig hießen die Erstunterzeichner der Unab - hängig keits erklärung Fathers of the Constitution – auf die Gesetze der Natur oder auf Gott berufen – am besten gleich auf beide.
Das mündige, sich selbst legitimierende Subjekt der Moderne ist also – ebenso wie der moderne Staat – mittels eines paranoiden Mechanismus entstanden: Das Subjekt verleugnet seine Herkunft von den Eltern und generiert das Phantasma der Selbsterschaffung. An der Stelle des getöteten Vaters erscheint eine Instanz, die mächtiger als der tote Vater ist, deren Stimme es sich vollkommen unterwerfen muss: die Stimme Gottes, die Stimme der Vernunft, die Stimme
der Natur.

***

Am Ursprung der Moderne steht der Vatermord. Descartes hatte ihn angezettelt, als er all das, was ihm die Väter und Lehrer überliefert hatten, mit eine Federstrich für nichtig erklärte.4
Freud erzählt in seiner 1913 erschienenen Arbeit Totem und Tabu den
Ursprungs mythos der menschlichen Subjektivität: Die Brüder der Urhorde erschlugen den Urvater, weil dieser allen Besitz und alle Frauen für sich beansprucht hatte. Doch weil sie ihn auch geliebt hatten, wurden sie von Schuldgefühlen heim gesucht und verzichteten fortan freiwillig auf die Frauen des Vaters und erhoben ihn zu einem Gott, dem sie in jährlichen Totemfeiern huldigten, indem sie ihn als Totemtier auferstehen ließen. So stehen am Anfang jeder Gesellschaft das Inzestverbot und die Vergöttlichung des Vaters. „Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende war; all dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen Situation des uns aus der Psychoanalyse so wohl bekannten ‚nachträglichen Gehorsams‘“5.
Die französische Revolution vollendet Descartes‘ Werk am 21. Januar 1793 mit der Enthauptung König Ludwigs XVI. Mit dem König wird auch sein Stellvertreter, der pater familias, guillotiniert und an deren Stelle tritt die Brüdergemeinschaft, die fraternité. Doch der nach-trägliche Gehorsam ließ nicht lange auf sich warten. Die Brüder-gemeinschaft setzte an die Stelle des toten Vaters die abstrakten
Konstrukte ‚Natur‘, ‚Vernunft‘ oder ‚Gott‘.
Natürlich kannte schon die Vormoderne Gott als letzte Instanz von
Wirklichkeit und Gesetz, doch sein Verhältnis zu den Vätern war ein völlig anderes als in der Moderne: Die Väter repräsentierten die Wahrheit Gottes. Die ewige, göttliche Wahrheit entfaltete sich in der Geschichte in der Form der Tradition, vermittelt durch die Väter. Der Umschwung der Moderne bestand darin, die Legitimation des Subjekts zu enthistorisieren und sie, ohne Umweg über den Vater, direkt auf eine ewige Instanz zurückzuführen. Ein merkwürdiger Zirkel ist
dadurch entstanden: Das Subjekt gründet in einer Instanz, die ihrerseits im Subjekt verankert ist, die es selbst entworfen hat. Niemand hat diese Hybris der Unterwerfung klarer erkannt als ihr vehementester Vertreter, Immanuel Kant. Er handelt die „Ideen“ oder Vernunftbegriffe in der Kritik der reinen Vernunft unter dem Titel transzendentaler Schein ab. Die Vernunftbegriffe Gott, Freiheit und
Unsterblichkeit, die notwendig sind, um die empirischen Erkenntnisse des Verstandes zu ordnen, haben keine Verankerung in der Erfahrung, sie sind bloß subjektive Erdichtungen. Dennoch erwecken sie den Schein von Objektivität, denn ohne den Ideen regulatorische Objektivität zu unterstellen, wäre es unmöglich, Erfahrungen zu verarbeiten. Die Vernunftideen sind also notwendige, vom Menschen geschaffene Illusionen, um sich in der Welt zurecht zu finden; sie haben gesetzgebende Kraft, mit der sie unseren Verstand leiten. Unserem Weltund Wirklichkeitsbezug liegen also Illusionen mit Gesetzeskraft zugrunde. „Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig als wir es vermeiden können, dass uns das Meer in der Mitte nicht höher scheine, wie an den Ufern […] Denn wir haben es mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst
auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive unter-schiebt.“6 Ohne sich auf Begriffe wie Gott, Freiheit oder Unsterblichkeit zu beziehen, die wir selbst geschaffen haben, denen wir uns aber gleichwohl bedingungslos unterwerfen, ist es unmöglich, die Welt als Totalität zu begreifen – und die Wirklichkeit würde uns entgleiten.

Damit vollkommene Selbstlegitimation also nicht in einen psychotischen Solipsismus mündet, ist sie auf einen illusionären – mithin wahnsinnigen – Bezug auf etwas angewiesen, das zwar vom Subjekt geschaffen ist, es aber gleichwohl übersteigt. An den leeren Platz des ermordeten Vater sind jene selbstge - schaffenen Stellvertreter getreten, denen sich das Subjekt unterwerfen kann – die
Stimme der Vernunft, die Stimme der Natur, die Stimme Gottes.

 

 


1 Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Werke, Band 20, Frankfurt/M. 1971, S. 120.
2 René Descartes, Meditationes de prima philosophia – Meditationen über die Erste Philosophie,
Hamburg 1992, I. Meditation, 1. Abschnitt (I :1; so im Folgenden belegt).
3 Jacques Derrida, Unabhängigkeitserklärungen,
in: J.Derrida/F.Kittler, Nietzsche – Politik des Eigennamens. Berlin 2000, S. 9ff.
4 Vgl. René Descartes, Discours de la méthode, Hamburg 1990, I:6.
5 Sigmund Freud, Totem und Tabu, GW IX [1912/1913], S. 173.
6 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl. 1787, S. 353f.

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